Indiens hausgemachte Misere

Artikel aus der «NZZ am Sonntag» vom 05.08.2012, Seite 4:

Der grösste Stromausfall aller Zeiten stellt das asiatische Riesenreich bloss

Noch ist nicht klar, was zum Zusammenbruch von Indiens Stromversorgung geführt hat. Doch der Vorfall verdeutlicht, mit welchen Problemen die aufstrebende Wirtschaftsmacht zu kämpfen hat.

Sacha Zastiral, Bangkok

Stromausfälle gehören in Indien zum Alltag. Selbst in der Hauptstadt Delhi fällt in vielen Stadtteilen der Strom jeden Tag für mehrere Stunden aus. Die Bewohner finden sich in aller Regel damit ab. Ratternde Dieselgeneratoren sind in vielen indischen Städten Teil der Klangkulisse.

Was sich jedoch Anfang dieser Woche abgespielt hat, übertraf selbst in Indien alles zuvor Dagewesene: Eine Serie von Problemen, die bereits am Montag zu massiven Stromausfällen im Norden des Landes geführt hatte, schaukelte sich derart auf, dass am Dienstag drei überregionale Stromnetze komplett zusammenbrachen. Das betroffene Gebiet erstreckte sich über 3000 Kilometer: vom indischen Teil Kaschmirs im Westen bis an die Grenze zu Burma. 670 Millionen Inder hatten keinen Strom mehr. Bergleute im Osten waren stundenlang in Schächten gefangen, Hunderttausende sassen in Zügen fest. In Delhi bildeten sich massive Staus, während tief unter der Erde Tausende Passagiere aus stehenden U-Bahnen evakuiert werden mussten.

Bürokratische Angelegenheit

Die Regierung liess sich in ihren Alltagsgeschäften vom Energie-Supergau jedoch nicht beirren. Wie geplant, wurden am Dienstag – mitten im Debakel – mehrere Ministerposten neu besetzt. Ausgerechnet Energieminister Sushilkumar Shinde wurde zum Innenminister befördert.

Was genau den Zusammenbruch des Stromnetzes verursacht hat, ist weiterhin nicht ganz geklärt. Die Regierung in Delhi macht mehrere Gliedstaaten dafür verantwortlich, die mehr Strom aus dem Netz entnommen hätten, als ihnen zugestanden habe. Schon seit Jahrzehnten hinkt die Stromversorgung der Nachfrage hinterher. Die rapide wirtschaftliche Entwicklung der vergangenen zwei Jahrzehnte hat das Problem verschärft. Um dieses Wachstum aufrechterhalten zu können, müsste sich die Menge des erzeugten Stroms alle zehn Jahre verdoppeln. Dass das gelingt, ist unwahrscheinlich.

Energie ist in Indien eine äusserst bürokratische Angelegenheit. Staatliche Unternehmen erzeugen vier Fünftel der Elektrizität. Eine gewaltige Bürokratie verwaltet die Verteilung des Stroms, der wegen der zu geringen Menge im Rotationsprinzip verteilt werden muss. Dabei geht in den maroden Netzen häufig schon ein Drittel des Stroms verloren. Viele Energielieferanten, die sich zumeist ebenfalls im Staatsbesitz befinden, sind pleite. Sie müssen den Strom auf Druck der Politik zu Niedrigpreisen verkaufen oder gratis abgeben. Der Anreiz für Investitionen aus der Privatwirtschaft ist deshalb gering.

Für einen Staat, der den Anspruch erhebt, eine der grossen kommenden wirtschaftlichen Supermächte zu sein, war der Ausfall gleich dreier Stromnetze eine Blamage. Schon jetzt haben massive Korruption, eine aufgeblähte und unkooperative Bürokratie sowie unklare Signale vonseiten der Regierung viele potenzielle Investoren dazu veranlasst, ihr Geld woanders anzulegen. Das Wirtschaftswachstum ist zuletzt auf 5,3 Prozent abgestürzt, was vor allem für die Armen des Landes eine Katastrophe ist. «Supermacht Indien, ruhe in Frieden», titelte denn auch die Tageszeitung «Economic Times».

Die unmittelbaren Auswirkungen des «Blackout-Dienstags» auf die Wirtschaftsleistung dürften sich hingegen in Grenzen halten. Viele Unternehmen erzeugen ohnehin ihren eigenen Strom, um nicht auf die öffentliche Energieversorgung angewiesen zu sein. Auch viele Bürogebäude, Spitäler und Wohngebäude verfügen über Generatoren. Das treibt wiederum die Betriebskosten in die Höhe.

Teure Kohle importiert

Besserung ist nicht in Sicht. Denn obwohl allein in den vergangenen fünf Jahren 130 Milliarden Dollar in die Energiegewinnung geflossen sind (rund die Hälfte davon stammte aus dem Privatsektor), kommt der Ausbau nur schleppend voran. Indien produziert zwei Drittel seines Stroms aus Kohle. Das Land verfügt über die fünftgrössten Kohlevorkommen weltweit. Doch deren Abbau ist fest in der Hand des staatlichen Monopolisten Coal India Ltd., eines Mammutkonzerns mit mehr als 380 000 Angestellten. Allen Bemühungen zum Trotz stagniert die Produktion. Daher sind Kraftwerke darauf angewiesen, teure importierte Kohle zu kaufen.

Den Ausweg aus der Strom-Misere sollte eigentlich Atomstrom bringen, der heute nur etwa 2 Prozent des erzeugten Stroms ausmacht. Der damalige US-Präsident George W. Bush hat dabei vor einigen Jahren Schützenhilfe geleistet: Er drückte bei der Gruppe der Kernmaterial-Lieferländer eine Sonderregelung für Delhi durch. Die illegitime Atommacht Indien darf daher heute atomaren Brennstoff und zivile Nuklear-Technologie importieren, obwohl das Land den Atomwaffen-Sperrvertrag nicht unterzeichnet hat.

Doch auch diese Pläne kommen nicht voran. In vielen Regionen, in denen Atomkraftwerke gebaut werden sollen, ist es in den vergangenen Monaten zu massiven Protesten gekommen. Die Atombranche wiederum schreckt ein Gesetz ab, das seit Ende 2011 in Kraft ist: Im Falle eines Unfalls müssen die Betreiber demnach in vollem Umfang für die Schäden haften.

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