Monthly Archives: October 2012

Krishna ist dort, wo es schön ist

Artikel aus TRANSHELVETICA, 07.09.2012

 

Eine Begegnung mit dem Mönch und Leiter des Krishna Tempels Zürich. – Von Noëmi Lerch (Text) und Hanin Lerch (Bild)
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Zwischen dem Wald- und Stadtrand Zürichs, in der Nähe der Kirche Fluntern, befindet sich ein anderes Land. Steht man dort vor dem roten Haus, in dem es sich befindet, sieht man Leute, die man in der Umgangssprache wohl einfach als «Hindus» bezeichnen würde. Der raue Herbstwind weht durch ihre bunten Saris und lässt die goldenen Pailletten klimpern. Kinder spielen Fangen, wie alle Kinder der Welt eben Fangen spielen. Ich öffne die Tür zum Tempel und trete ein.

Ein warmer Geruch nach Essen und Räucherstäbchen umfängt mich. An einem Tisch sitzen zwei ältere Männer und eine Frau, einer der Männer hat einen Teller mit dampfendem Essen vor sich. Aus einem anderen Raum tönt Musik und Gesang, an der Decke glitzert ein Kronleuchter und in den Ecken und Winkeln der Eingangshalle stehen Blumen, Kerzen und tanzende Skulpturen. Ein junger Mann kommt mir entgegen, stellt sich als Krishna Premarupa vor und grüsst zum Sonntagsfest. Er trägt ein oranges Gewand, sein Kopf ist bis auf einige Strähnen am Hinterkopf rasiert. Er ist jünger, als ich mir den Tempelpräsidenten vorgestellt habe.

Nachdem ich meine Schuhe ausgezogen habe, folge ich ihm die Treppe hinauf in den ersten Stock. Er trägt Socken und ich weiss auch nicht genau, weshalb mich das erstaunt. Das Haus war früher im Besitz der Bankierfamilie Bär, bis es 1980 von der Tempelgemeinschaft übernommen und renoviert wurde. In einem der Zimmer befindet sich auch ein Büro. «Die Leute denken manchmal, wir Mönche würden so etwas nicht brauchen», sagt Prema. «Aber wir leben ja nicht hinter dem Mond.» In einem weiteren Zimmer begegnen wir einem alten Mann, der seltsam unbeweglich an einem Tisch sitzt und in einem Buch liest. Erst beim zweiten Hinschauen merke ich, dass es sich um eine Puppe handelt. Prema lacht. Es komme immer wieder vor, dass sich Leute bei ihm erkundigen, weshalb der alte Mann im Studierzimmer sie nicht gegrüsst habe. Bei der Figur handelt es sich um eine Nachbildung des Gründers der ISKCON, der internationalen Gemeinschaft für Krishna-Bewusstsein, Abhay Charan Bhaktivedanta Swami Prabhupada. Die Wände des Zimmers bestehen aus Büchern und über den Büchern sind Bilder angebracht, die den Lebensweg Krishnas aufzeigen.

Krishna als Kuhhirte. Krishna und die Hirtenmädchen. Krishna und seine Geliebte Radha. Die Bilder werden der Bhagavad-Gita, der heiligen Schrift zufolge nachgezeichnet, wobei den Malern während ihrer Arbeit immer ein Guru (Lehrer) zur Seite steht.

Kitchen-Religion
In der Küche sind zwei Mönche soeben dabei, Fladenbrote in einer Pfanne zu braten, aus dem Radio tönen Mantra-Gesänge. Nicht umsonst wird die Religion Krishnas auch die «Kitchen-Religion» genannt. Das Essen wird als spirituelle Kraft angesehen, weshalb die Mönche in der Stadt manchmal auch Süssigkeiten an Passanten verteilen: als Stärkung für Herz und Kopf sozusagen. Bevor die Tempelbewohner und ihre Besucher aber essen dürfen, müssen die Speisen erst Krishna dargebracht werden. Er «isst» und ehrt es, indem er es anschaut. Das Gebot der Gewaltlosigkeit, ein Grundpfeiler der vedischen Philosophie, verbietet den Verzehr von gewaltsam hergestellten Nahrungsmitteln. Auf Milch wird nicht verzichtet, denn Krishna selbst liebt Süssigkeiten, die unter anderem aus Milch hergestellt werden. Die Milch, die hier im Tempel verwendet wird, stammt von einem biologischen Bauernhof aus der Region. Es handle sich um «Ahimsha Milch»: gewaltfreie Milch.

Im Gemeinschaftsraum wird noch immer gesungen und musiziert. Hier haben sich Tempelbewohner, Freunde und Gäste von ausserhalb versammelt. Es spielt keine Rolle, an welchen Gott man glaubt, sagt Prema. Jeder kann den Namen des Gottes singen, den er hat. Wer nicht mitsingt, klatscht den Takt oder schliesst die Augen. Der Raum ist mit Blumen und Kerzen geschmückt, auf einem Altar stehen drei goldene Krishna-Figuren, zu ihren Füssen liegen Opfergaben. Krishna ist immer dort, wo es schön ist. Deshalb bemalen sich die Krishna-Mitglieder an der Stirn und an zwölf weiteren Stellen des Körpers mit der rotbraunen Erde des heiligen Flusses Ganges. Sie sehen ihren Körper als einen Tempel, den man genauso schmücken und verzieren sollte. Die Musik ist unterdessen verklungen und der Tempelpräsident nimmt neben den Musikern Platz. Er kündigt das Thema der heutigen Vorlesung an: der Tod aus vedischer Sicht. Der Bhagavad-Gita zufolge ist es sehr entscheidend, woran wir im Moment des Sterbens denken, weil das unsere Gestalt im nächsten Leben bestimmen wird. Aus diesem Grund würden auch die meisten Frauen in ihrem nächsten Leben zu Männern und umgekehrt.

Auf die geistige Nahrung folgt die leibliche. Wer das erste Mal zu Besuch kommt, wird zum Essen eingeladen. Aus grossen Töpfen werden Speisen in allen Farben und Konsistenzen geschöpft, dazu gibt es Fladenbrot und Mango Lassi. Wir setzen uns im Aufenthaltsraum auf den Boden, das Essen schmeckt gut und ich muss mich konzentrieren, dass mir trotz des Genusses der Gesprächsfaden nicht abhanden kommt. Doch Prema beginnt von sich aus weiter zu erzählen.

Von Elektro zum Mantra
Sein bürgerlicher Name ist Christoph Truttmann. Er hat Koch gelernt und ging früher gerne zu Elektro Parties. Hat selbst sogar welche veranstaltet. Im Alter von vierundzwanzig Jahren, vor zehn Jahren also, ist er in den Novizenstand eingetreten. Sein erstes Jahr hat er in einem Ashram in Indien verbracht, um die Kultur in ihrem ursprünglichsten Kontext zu erleben. Daraufhin ist er der Gemeinschaft in Zürich beigetreten, deren Leitung er vor vier Jahren übernommen hat. Die Musik ist ein wichtiger Bestandteil seines Lebens geblieben, das Singen und Musizieren auf dem Harmonium gehört zur Bildung der Mönche dazu, wie auch das Tanzen. Beim Tanzen ist man jedoch freier. Es gibt zwar verschiedene Schrittmuster, aber letztendlich kann jeder so tanzen wie er will.

Opfer hat Prema für das Leben im Zölibat nach eigenen Angaben keine erbringen müssen, obwohl das Mönchsleben in der Stadt Zürich weitaus schwieriger ist als irgendwo auf dem Land. Wenn er aus dem Bürofester schaut, sieht er direkt auf die neue Bikini-Werbung von H&M. Das ist nicht immer ganz einfach. Wer möchte, kann den Mönchsstand aber jederzeit an den Nagel hängen, heiraten und eine Familie gründen. Krishna sagt selbst: die Sexualität bin ich. Lebt man im Zölibat, trifft man bewusst die Entscheidung, zu Gunsten der religiösen Praxis auf eine Beziehung zu verzichten.

Auf die Frage, ob er denn eher für Gott oder für die Menschen lebe, antwortet Prema: «Wenn man einen Baum im Garten hat, kann man entweder all die einzelnen Blätter giessen, oder direkt die Wurzeln und den Stamm des Baumes. Lebt man als Mönch, ist das Giessen der Pflanze, die religiöse Praxis also, der zentrale Lebensinhalt.» Ein Tag im Tempel beginnt um halb vier morgens mit Meditation, gemeinsamem Singen und einer Vorlesung aus der heiligen Schrift. Um neun Uhr gibt es Frühstück. Diese Reihenfolge ist wichtig, denn der Körper muss zuerst mit geistiger Nahrung versorgt werden. Und zudem muss man die Zeit nutzen, in der Zürich noch schläft. Prema ist überzeugt, dass er selbst ohne Uhr und bei geschlossenen Fenstern sagen kann, wann die Stadt erwacht. Es sei die Art der Energie, eine Geschäftigkeit, die sofort spürbar sei.

Nach dem Essen verlassen wir den Aufenthaltsraum und Prema öffnet eine Tür mit der Aufschrift «Zutritt verboten». Im Raum stehen in zwei Reihen Töpfe mit einer besonderen Pflanze darin. Auf den ersten Blick sehen sie aus wie kleine Olivenbäume. Prema nimmt eine der Pflanzen in den Arm und bringt sie zur Tür.

Das ist Tulasi, stellt er mir die Pflanze vor, eine Göttin. Sie kommt in der Form dieser Pflanze zur Erde und steht in Indien vor jedem Haus. Daran lässt sich erkennen, wie präsent die Religion in Indien ist. In der westlichen Kultur ist uns dieser alltägliche Umgang mit dem Glauben abhanden gekommen, so K. Prema.

Trotzdem suchen viele Menschen nach etwas, was ihnen der Wohlstand und ihre Privilegien nicht zu geben vermögen. Der Glaube an Krishna ist eine Möglichkeit, die auch für viele Europäer Sinn macht – in den 1968er Jahren genauso wie heute. Wenn er hingegen als «weisser Elefant» (Westler) im orangen Gewand in Indien durch die Strassen gehe, sei dies für die Inder völlig unverständlich. Für viele von ihnen ist das westliche Leben, wie wir es führen, eine Wunschvorstellung.

Der Westen wartet vor der Tür, als ich abends den Tempel wieder verlasse. Er ist da, ohne dass ich ihn konkret an etwas festmachen kann. Ich mache den obersten Mantelknopf zu und gehe in Richtung Hauptbahnhof. Die Blätter auf der Strasse fallen mir auf. Sie haben dieselbe Farbe wie die Gewänder der Mönche.

www.krishna.ch

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SARAI READER 09

THE EXHIBITION at Devi Art Foundation Delhi

18 August 2012 – 16 April 2013 

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October 13, 2012 · Episode One – entrance Chakravyuh by Akshay Rathore and Flora Boillot

>> ground floor

6 pm RecOn with Moritz Fingerhut

audio

6.30 pm Story within a Story with Astha Butail

conversation and writing

7.30 pm Harkat School/Unschool for Performance Arts with Inder Salim

performance/conversation 

9 pm Shadow Libraries by Lawrence Liang

a trial

See: Karmaleaks (letters from a secret archive) by Portside || Untitled by

Asim Waqif, Raakesh MPS, Julien Segard, Ashhar Farooqui and 9 Circuits

(time-based installation) || Gurgaon Glossaries (ver 1.0) by Rupali Gupte,

Prasad Shetty, Prasad Khanolkar || Indiscernible (networks maps and virus)

by Suraj Rai || Financial Markets and the Ironies of Capital (slide show) by

S. Ananth || Occupancy as a Disobedience Kit (slide show) by Solomon

Benjamin || Esforco Minimo: Minimum Effort (slide show) by Vijai Patchineelam ||

The Flyover (scanned qr codes) by Anurag Sharma and Anush Singh

 

>> courtyard

6.15 pm Drop Manual by Silke Kästner

unfolding, distribution of instructions

6.30 pm Reflections on Love and War by Anita Dube

instructions

6.45 pm Bureau of Contemporary Jobs with Cybermohalla Ensemble

draft job applications

See: Unsung in Life, Unclaimed in Death (death masks) by Subodh Kerkar and Katharina Kakar

 

>> first floor

6 pm Amateur Cinema, presented by Ishita Tiwary

film screenings, followed by discussion with the film makers

6.30 pm Act the Victim with Paribartana Mohanty

auditions

7.30 pm Visualising the Invisible: Reading & Writing Nietzche with

Belinder Dhanoa

text//conversations 

8 pm Why Ask The Old Questions? by Parismita Singh

drawing//erase

8.15 pm The Artist’s Studio as a Self Myth-Cube with Ramesh Pithiya

interaction in a studio

8.30 pm Of the People, By the People, For the People with Bhagwati Prasad

cast a vote

See: Five Eyes of a Leader (furniture) by Kumar Ranjan || Art Direction Breakdown (design shed) by Aradhna Seth || We in a One Room Kitchen Field 0.25 (video) by WALA and Kush Badhwar || Drawing as a Mental Exercise (drawings) by Gagandeep Singh || Untitled (installation) by Mitali Shah

 

>> first floor | proposal room

See: Ruptured Sense[ation]: Art and Politics in Romanian Moving Image 

(researchers’ open studio) by Mihaela Brebenel

Listen: Ish S. || Moritz Fingerhut

Read: Artist proposals, Journals, Books

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conserve india

Cosima Gill / NZZ vom 6.10.12

Müll gibt es auf Delhis Strassen mehr als genug. Knallbunte Plastictüten türmen sich auf den Gehwegen. Es sind so viele, dass die indische Regierung deren Gebrauch verboten hat. Das Gesetz wird jedoch konsequent ignoriert. Die Bevölkerung resigniert beim Anblick der Müllmassen, nicht aber Anita Ahuja: «Je dreckiger es ist, desto kreativer werde ich.» Gemeinsam mit ihrem Ehemann Shalabh produziert sie aus Abfällen Designer-Handtaschen.

Leidenschaft für Plastic

Ende der neunziger Jahre entdeckte die Künstlerin ihre Leidenschaft für Plastic. In ihrem Labor experimentierte sie mit dem Material. Ihr Mann, ausgebildeter Ingenieur, konstruierte schliesslich eine Maschine, die aus Plastictüten neue, textil anmutende Materialbahnen produziert. Diese Innovation brachte 1998 den Durchbruch für Conserve India.

Die Fertigung der Handtaschen beginnt im Slum in Bahadurgarh in der Nähe der indischen Hauptstadt. 150 sogenannte Ragpicker (Müllsammler) ziehen täglich durch die Strassen und sammeln den Abfall, der auf der Fahrradrikscha in den Slum transportiert wird. Erst werden die verschiedenen Materialien getrennt, in einem zweiten Schritt nach Farben sortiert. Danach wird der Abfall gereinigt. Getrocknet werden die gewaschenen Tüten an der Sonne.

Schliesslich wird daraus ein neues Material gepresst. «Die Plastictüten werden in Schichten übereinandergelegt, erhitzt und gepresst», sagt Anita Ahuja. Beim Erhitzen passt sie besonders auf, dass die Originalfarben der Plasticverpackungen nicht verloren gehen. 25 bis 30 Tüten werden für 100×70 Zentimeter des neuen Materials gebraucht. Daraus werden dann die Taschen zugeschnitten und genäht.

Dem Ehepaar Ahuja geht es nicht primär um ihre Marke, im Vordergrund steht vielmehr der soziale Aspekt des Unternehmens. Ihr Ziel ist es, so viele Arbeitsplätze wie möglich zu schaffen. Die Taschen sind da nur Mittel zum Zweck. Im August dieses Jahres hat das Unternehmen auch seine erste Schule eröffnet. Hier sollen Lehrer die Kinder der Ragpicker unterrichten, bis sie an einer staatlichen Schule aufgenommen werden.

Ein weiteres Projekt sind die medizinische Versorgung der Mitarbeiter sowie die Unterstützung der Angestellten bei Behördengängen. Ausserdem sichert die Organisation den Müllsammlern ein geregeltes Einkommen. Die Ragpicker werden pro Kilo bezahlt, für hundert Kilo bekommen sie 2500 Rupien, das sind etwa 43 Franken.

Erfolg in Europa

Die Taschen von Conserve India verkaufen sich auf dem europäischen Markt gut, so die 52-jährige Anita Ahuja. Die Idee des «Upcyclings», also aus alten Produkten ein neues, wertvolleres herzustellen, kommt an. Anders sieht es mit dem Erfolg auf dem indischen Markt aus – hier hätten die Handtaschen aus Verpackungsmüll keine Chance. «Die Inder sehen den Müll nur als Dreck und noch nicht als Ressource», weiss Anita Ahuja.

www.conserveindia.org

 

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Die Lage ist verzweifelt, aber nicht ernst

BERNARD IMHASLY, 29.09.2012, 09:06 | mag20.ch

Ich kehrte vor Wochenfrist über Österreich nach Indien zurück, und zum Glück nahm ich dort diesen wienerischen Spruch mit in mein Gepäck. Er federte mir den verpatzten Sprung zurück ins grosse Land ab.

Einem Missgriff, den ich noch immer nicht lokalisieren kann, verdanke ich es, dass ich zu später Stunde im Flughafen von Mumbai festsass. Ich war ohne meine ‚PIO Card‘ – so etwas wie eine indische ‚Green Card‘ – angekommen, wollte also ohne Einreise-Erlaubnis ins Land. Diese Impertinenz musste mit der einzigen dafür vorgesehenen Strafe vergolten werden: im gleichen Flugzeug zurück in die Schweiz.

„Wenn ich eine Alternative hätte“ erklärte mir der Beamte, „ich würde sie Ihnen anbieten. Aber uns sind die Hände gebunden“. Er liess den SWISS-Manager kommen und befahl ihm, einen Sitz für mich zu reservieren. In jenem Augenblick kam mir dieser alte Wiener Schmäh zu Hilfe. Ich sass im luftgekühlten Büro, und nach einer halben Stunde hatte ich mit meinen Häschern schon fast eine kleine Freundschaft geschlossen. Wie sie betrachtete ich die armen Sans-Papiers, die hereingeführt wurden, mit einer Mischung von Mitleid und Missbilligung. Dann, eine Stunde vor Abflug, spazierte ich durch den Ausgang in die feuchtheisse Nacht von Bombay, gewappnet mit zwei Wochen ‚temporary leave‘.

Jede Krise wird zum Normalzustand
Beides, der paradoxe Spruch und dessen kleine Live-Demonstration, halfen mir auch, mit der indischen Realität zurechtzukommen, die mich erwartete. Aus der Ferne hatte ich von den täglichen Katastrophen gehört, und die unverdaute Direktheit der Berichterstattung hatte sich allmählich zu einem Stein im Magen verdichtet: ein neuer Korruptionsskandal lähmte eine ganze Parlamentssession des Parlaments; die wacklige Regierungskoalition schlitterte immer mehr in eine akut bedrohliche Schieflage; im indischen Nordosten kam es zu ethnischen Unruhen, mit verbrannten Dörfern, zahllosen Toten, Tausenden von Flüchtlingen; dem folgte die Flucht in die Gegenrichtung: Ostindische Migranten, die in der Anonymität von Call Centres in Bangalore und in den Küchen schicker Restaurants in Bombay eine relative Sicherheit gefunden haben, wurden von gefälschten MMS-Bildern aufgeschreckt, die ihnen brutale Racheakte für die Pogrome in der Heimat vorspiegelten. Und dies alles in einer Monsunzeit, die mit erratischen Niederschlägen in einigen Regionen Überschwemmungen, in andern Trockenheit und Dürre brachte.

Die Lage in Indien war, wieder einmal, verzweifelt. Aber eben: wieder einmal. Jede Krise wird, wenn sie permanent ist, zum Normalzustand, zur Grundbefindlichkeit, von der aus man zur Tagesordnung übergeht. In den ersten Tagen suchte ich in den Gesichtern noch nach Anzeichen von Bitterkeit, Müdigkeit, Verzweiflung; ich las die düsteren Schlagzeilen und beobachtete in den Talkshows, wie die Opponenten einander zumindest verbal an die Gurgeln gingen.

Wer geht mit wem ins politische Lotterbett?
Doch mein entgeisterter Blick spiegelte sich nicht in den TV-Zuschauern neben mir. Die Lage war offenbar keineswegs ernst. „Politische Soap Opera“, kommentierte mein Schwager ein verbales Duell, das tief unter die Gürtellinie zielte. Und tatsächlich: eine Stunde später sassen dieselben Kontrahenten in einem andern Fernsehstudio friedlich beisammen und lachten, bevor sie sich wieder in die Schlammschlacht warfen, eine weitere Episode im Endlos-Drama ‚Wer geht mit wem ins politische Lotterbett?‘. Kein Wunder, dass bei so viel Blickfang-Konkurrenz selbst Bollywood inzwischen Frontseite-Inserate schalten muss, um vom Polit-Theater nicht ganz verdrängt zu werden. ‚India’s got Talent‘ heisst eine neue Reality Show, in der ein weiteres Mal der millionenfache Traum ‚from Rags to Riches‘ durchexerziert wird.

Es ist dieser gespannte Bogen zwischen drohender Armut und dem Versprechen von materieller Sicherheit und sozialer Anerkennung, der dieses Land in ständiger Bewegung – mehr noch: im Laufschritt – hält. Die grosse Mehrheit lässt sich nicht ablenken von den Versprechen der Politiker und deren notorischem Versagen. Sie verbietet sich sogar den Luxus von Zynismus und Bitterkeit; das wäre bloss eine Ablenkung vom täglichen Überlebenskampf und der psychologischen Abschirmung vor Rückschlägen. Die Menschen mögen den Kopf schütteln über so viel Gier und Tücke, aber sie erkennen im korrupten Politiker auch einen Teil von sich selber: Einer eben, der eine andere Karriere gewählt hat, um zu Status und Reichtum zu kommen.

Zweiminütiger Streik
Kein Zynismus – wie machen die das bloss? Elf schwere Bahnunglücke allein in diesem Jahr – und der Eisenbahnminister verbringt achtzig Prozent seiner Arbeitszeit im Parteibüro in Kalkutta; wer jung, männlich und muslimisch ist, riskiert, das Etikett von Terrorverdacht umgehängt zu bekommen, gefolgt von jahrelanger U-Haft; ein Karikaturist wird der Volksverhetzung angeklagt, weil er die drei stolzen Ashoka-Löwen, das Symbol des indischen Staats, in schlaue Füchse verwandelt hat. Dann aber auch dies: während die Proteste gegen den Anti-Mohammed-Film dem benachbarten Pakistan zwanzig Tote bescheren, läuft der Protesttag in Kaschmir ab ‚wie geschmiert‘: ein paar Gruppen dürfen auf die Strasse gehen, ein paar Tränengaspatronen explodieren, ein radikaler Separatistenpolitiker ruft zur Arbeitsniederlegung in allen Regierungsbüros auf – für zwei Minuten. Und die anderen Oppositionspolitiker lassen sich wie verabredet in Gewahrsam nehmen; es ist ihr Alibi, um nichts zu tun.

Kämpfend untergehen
Im politischen Schmierentheater namens Parlament ist die regierende Kongresspartei der am besten eingeübte Komparse. Es regnet Korruptionsvorwürfe, gegen den Tourismus-Minister etwa, der seinem Bruder billige Schürflizenzen verschafft hat (‚Coalgate‘ heisst der hübsche Name). Gegenangriff von den Regierungsbänken: Wer vergab die meisten Lizenzen im kohlereichen Orissa? Die oppositionelle BJD-Partei. Wer protzte mit Götterstatuen aus purem Gold in seinem Palast in Bangalore, mit Helikoptern und schnellen Autos auf dem Parkplatz? Der Bergwerksminister der BJP. Wen wundert‘s, dass die Parlamentsopposition drei Wochen lang keine einzige Debatte zuliess.

Dem Premierminister platzte endlich der Kragen. „Wenn wir schon untergehen, wollen wir es kämpfend tun“, sagte Manmohan Singh, als er kürzlich einen Schub überfälliger (und schmerzhafter) Wirtschaftsreformen ankündigte. Prompt kündigte die ewig geifernde Lokalpolitikerin Mamata Banerjee den Koalitionsvertrag, zog ihre sechs Minister ab. Umso besser, jubelte der ‚Indian Express‘, denn nun kann Singh endlich einen Eisenbahnminister einsetzen, der die Ausblutung des grössten Arbeitgebers der Welt (1.6 Millionen Angestellte) stoppt. Und der Verlust der parlamentarischen Mehrheit, drohende Neuwahlen?

Keine Sorge, sagen Kongress-Strategen: der Ruf der Politiker ist so schlecht, dass alle Parteien frühzeitige Wahlen fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Die verzweifelte Lage ist nicht weiter ernst. Nur dass der Wiener Schmäh einen indischen Nachsatz verdiente: Nähme man die Lage etwas ernster, wäre sie nicht so verzweifelt. Das tue ich inzwischen zumindest bei mir. Mit wachsender Beklemmung summe ich den Refrain aus einem Lied von Sting: ‚I’m a legal alien/in Mumbai‘.

virtuelle reise

Hier klicken, um die Google Datei zu downloaden und Indien zu erkunden

Nach dem Download, Google Earth starten und File INDIA_2013.kmz öffnen,

dann auf die gelben Pins klicken und schon seid ihr in Indien

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Visum-Antrag

Für die Einreise nach Indien brauchen Personen mit einer Schweizer oder Deutschen Nationalität ein Touristen-Visum. Dieses ist bei VSF.GLOBAL zu beantragen:

http://in.vfsglobal.ch/touristvisa.html

Das Visum ist gültig für eine einmalige Einreise und eine maximale Dauer von 3 Monaten.

Vorgehen

  1. Visumantrag online ausfüllen
  2. Ausgefülltes Formulare ausdrucken, Checkliste des Touristenvisa beachten
  3. Visagebühr gemäss Liste unter Rubrik Visumgebühren, an VISA VIA AG,
    Kontonummer 60-784847-1 einzahlen.
  4. Antragsunterlagen einsenden an:

VisaVia AG.
India Visa Application Centre
Seilerstrasse 25
3011 Bern
Switzerland

  • Visumantragsformular, ausgefüllt in Englischer Sprache, unterzeichnet
  • Pass – Der Pass muss bei Antragstellung eine Gültigkeit von 6 Monaten (180 Tagen) und mindestens 3 leeren Seiten haben.
  • 2 aktuelle farbige Passfotos (50x50mm) vor hellem Hintergrund auf Fotopapier (siehe Vorgaben auf Website)
  • Kopie der Flug- oder Reisereservation
  • Zahlungsbeleg der Visumgebühren
  • Unterzeichnete Einverständniserklärung, download: http://in.vfsglobal.ch/pdf/Declaration.pdf
  • Staatsangehörige aus Drittstaaten bitte weitere Vorgaben auf Website berücksichtigen

Visabearbeitung dauert ca. 10 Arbeitstage

 

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Gesundheit und Prophylaxe

Grundsätzlich gelten diese Empfehlungen für gesunde Menschen. Sind Krankheiten vorhanden oder werden regelmässig Medikamente eingenommen, muss teilweise von den allgemeingültigen Empfehlungen abgewichen werden. In jedem Fall sollte dies mit dem Arzt besprochen werden.

Mücken

Malaria (Dämmerung bis Morgengrauen)

Keine Prophylaxe notwendig. Notfalltherapie (Behandlungsreserve: Malorone, gut erträglich) bei Auftreten von Anzeichen einer Malaria. Wenn immer möglich Arzt aufsuchen für Bluttest. Beachten, dass Malaria auch erst Wochen bis Monate später auftreten kann. Bei Fieber nach Rückkehr Hausarzt aufsuchen zur Abklärung.

Dengue (Morgengrauen bis Dämmerung)

Viruserkrankung. Es existiert keine Prophylaxe. Krankheit tritt nach 5-8 Tagen ein. Bei Auftreten von Symptomen zur Fiebersenkung keine Aspirine verwenden wegen blutverdünnender Wirkung. Immer Paracetamol oder Ibuprofen.

Wichtig: In jedem Fall versuchen Mückenstiche zu verhindern. Mückenschutz anwenden für Körper (Antibrumm forte) und Kleider (Tyra-X, BioKill, Gesal Protect, etc.). Diese können vor Abreise „imprägniert“ werden. Schutz hält 2 Waschgänge. Allenfalls Moskitonetz im Schlafraum verwenden.

Impfungen

Typhus

Die häufigsten Typhuserkrankungen in der Schweiz sind bei Personen, die in Indien waren. Schluckimpfung Vivotif. Wird während 5 Tagen in Kapselform eingenommen. Impfschutz von ca. 70% mindestens 1 Jahr. Empfohlen wird eine Einnahme einen Monat vor Abreise. Zusätzlicher Schutz durch persönliche Hygiene und Aufmerksamkeit bei der Ernährung „boil it, cook it, peel it or forget it“

Hepatitis A

Infektiöse Leberentzündung durch verunreinigtes Wasser und Nahrungsmittel. Impfung wird empfohlen für Indien aber auch für manche Länder in Süd- und Osteuropa. Eine 2. Impfung nach 6-12 Monaten ermöglicht einen lebenslangen Schutz.

Tetanus (Starrkrampf) / Diphterie / Keuchhusten (Auffrischung alle 20 Jahre)

Alle diese Krankheiten kommen in Indien vor und können bei uns als Kombination geimpft werden.

Polio (Kinderlähmung) (Auffrischung alle 10 Jahre)

Für Reisen nach Indien. Wird ansonsten bei uns nicht mehr geimpft.

Varizellen (Windpocken)

Impfen, falls Krankheit nicht durchgemacht. Kann bei Erwachsenen heftig und gefährlich verlaufen. Auch in Europa.

Japanische Enzephalitis

Wird empfohlen für Langzeitaufenthalter und/oder bei Reisen in ländliche Gegenden.

Tollwut

Die Impfung wird prophylaktisch nicht empfohlen. Tollwut ist in Indien verbreitet. Schutz vor allem durch Verhinderung von Kontakt mit Tieren. Nach einer möglichen Übertragung von Tollwut Wunde 10-15 Min mit Wasser und Seife auswaschen. Sofort Impfung veranlassen.

Masern / Mumps / Röteln / Windpocken

2 Impfungen für Personen die nach 1963 geboren sind. Dies bietet lebenslangen Schutz.

Reiseapotheke

Persönliche Medikamente, Mückenschutz, Alkalische Seife, Verbandmaterial und Pflaster, Fieberthermometer, Schmerzmittel, Nasentropfen, Medikamente gegen Übelkeit und Durchfall, Juckreizstillendes Medikament oder Salbe, Malariatherapie.

Persönliches Vorgehen

Persönliche Visite mit Impfausweis beim Arzt.

Alternative ist ein Besuch am Zentrum für Reisemedizin, Hirschengraben 84, Zürich (ohne Voranmeldung: MO/DO 16h30-19h, MI 11h-15h, FR 9h-11). In der Regel muss man mit langen Wartezeiten rechnen. Es empfiehlt sich sehr, ca. 15min vor Öffnung dort zu sein und sich am Computer anzumelden. Impfungen können im Anschluss direkt vorgenommen werden, Medikamente und Mückenschutz werden dort verkauft. Beratung kostet ca. 100.–.

Kopie des Impfausweises mit auf die Reise nehmen.

 

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