Die Lage ist verzweifelt, aber nicht ernst

BERNARD IMHASLY, 29.09.2012, 09:06 | mag20.ch

Ich kehrte vor Wochenfrist über Österreich nach Indien zurück, und zum Glück nahm ich dort diesen wienerischen Spruch mit in mein Gepäck. Er federte mir den verpatzten Sprung zurück ins grosse Land ab.

Einem Missgriff, den ich noch immer nicht lokalisieren kann, verdanke ich es, dass ich zu später Stunde im Flughafen von Mumbai festsass. Ich war ohne meine ‚PIO Card‘ – so etwas wie eine indische ‚Green Card‘ – angekommen, wollte also ohne Einreise-Erlaubnis ins Land. Diese Impertinenz musste mit der einzigen dafür vorgesehenen Strafe vergolten werden: im gleichen Flugzeug zurück in die Schweiz.

„Wenn ich eine Alternative hätte“ erklärte mir der Beamte, „ich würde sie Ihnen anbieten. Aber uns sind die Hände gebunden“. Er liess den SWISS-Manager kommen und befahl ihm, einen Sitz für mich zu reservieren. In jenem Augenblick kam mir dieser alte Wiener Schmäh zu Hilfe. Ich sass im luftgekühlten Büro, und nach einer halben Stunde hatte ich mit meinen Häschern schon fast eine kleine Freundschaft geschlossen. Wie sie betrachtete ich die armen Sans-Papiers, die hereingeführt wurden, mit einer Mischung von Mitleid und Missbilligung. Dann, eine Stunde vor Abflug, spazierte ich durch den Ausgang in die feuchtheisse Nacht von Bombay, gewappnet mit zwei Wochen ‚temporary leave‘.

Jede Krise wird zum Normalzustand
Beides, der paradoxe Spruch und dessen kleine Live-Demonstration, halfen mir auch, mit der indischen Realität zurechtzukommen, die mich erwartete. Aus der Ferne hatte ich von den täglichen Katastrophen gehört, und die unverdaute Direktheit der Berichterstattung hatte sich allmählich zu einem Stein im Magen verdichtet: ein neuer Korruptionsskandal lähmte eine ganze Parlamentssession des Parlaments; die wacklige Regierungskoalition schlitterte immer mehr in eine akut bedrohliche Schieflage; im indischen Nordosten kam es zu ethnischen Unruhen, mit verbrannten Dörfern, zahllosen Toten, Tausenden von Flüchtlingen; dem folgte die Flucht in die Gegenrichtung: Ostindische Migranten, die in der Anonymität von Call Centres in Bangalore und in den Küchen schicker Restaurants in Bombay eine relative Sicherheit gefunden haben, wurden von gefälschten MMS-Bildern aufgeschreckt, die ihnen brutale Racheakte für die Pogrome in der Heimat vorspiegelten. Und dies alles in einer Monsunzeit, die mit erratischen Niederschlägen in einigen Regionen Überschwemmungen, in andern Trockenheit und Dürre brachte.

Die Lage in Indien war, wieder einmal, verzweifelt. Aber eben: wieder einmal. Jede Krise wird, wenn sie permanent ist, zum Normalzustand, zur Grundbefindlichkeit, von der aus man zur Tagesordnung übergeht. In den ersten Tagen suchte ich in den Gesichtern noch nach Anzeichen von Bitterkeit, Müdigkeit, Verzweiflung; ich las die düsteren Schlagzeilen und beobachtete in den Talkshows, wie die Opponenten einander zumindest verbal an die Gurgeln gingen.

Wer geht mit wem ins politische Lotterbett?
Doch mein entgeisterter Blick spiegelte sich nicht in den TV-Zuschauern neben mir. Die Lage war offenbar keineswegs ernst. „Politische Soap Opera“, kommentierte mein Schwager ein verbales Duell, das tief unter die Gürtellinie zielte. Und tatsächlich: eine Stunde später sassen dieselben Kontrahenten in einem andern Fernsehstudio friedlich beisammen und lachten, bevor sie sich wieder in die Schlammschlacht warfen, eine weitere Episode im Endlos-Drama ‚Wer geht mit wem ins politische Lotterbett?‘. Kein Wunder, dass bei so viel Blickfang-Konkurrenz selbst Bollywood inzwischen Frontseite-Inserate schalten muss, um vom Polit-Theater nicht ganz verdrängt zu werden. ‚India’s got Talent‘ heisst eine neue Reality Show, in der ein weiteres Mal der millionenfache Traum ‚from Rags to Riches‘ durchexerziert wird.

Es ist dieser gespannte Bogen zwischen drohender Armut und dem Versprechen von materieller Sicherheit und sozialer Anerkennung, der dieses Land in ständiger Bewegung – mehr noch: im Laufschritt – hält. Die grosse Mehrheit lässt sich nicht ablenken von den Versprechen der Politiker und deren notorischem Versagen. Sie verbietet sich sogar den Luxus von Zynismus und Bitterkeit; das wäre bloss eine Ablenkung vom täglichen Überlebenskampf und der psychologischen Abschirmung vor Rückschlägen. Die Menschen mögen den Kopf schütteln über so viel Gier und Tücke, aber sie erkennen im korrupten Politiker auch einen Teil von sich selber: Einer eben, der eine andere Karriere gewählt hat, um zu Status und Reichtum zu kommen.

Zweiminütiger Streik
Kein Zynismus – wie machen die das bloss? Elf schwere Bahnunglücke allein in diesem Jahr – und der Eisenbahnminister verbringt achtzig Prozent seiner Arbeitszeit im Parteibüro in Kalkutta; wer jung, männlich und muslimisch ist, riskiert, das Etikett von Terrorverdacht umgehängt zu bekommen, gefolgt von jahrelanger U-Haft; ein Karikaturist wird der Volksverhetzung angeklagt, weil er die drei stolzen Ashoka-Löwen, das Symbol des indischen Staats, in schlaue Füchse verwandelt hat. Dann aber auch dies: während die Proteste gegen den Anti-Mohammed-Film dem benachbarten Pakistan zwanzig Tote bescheren, läuft der Protesttag in Kaschmir ab ‚wie geschmiert‘: ein paar Gruppen dürfen auf die Strasse gehen, ein paar Tränengaspatronen explodieren, ein radikaler Separatistenpolitiker ruft zur Arbeitsniederlegung in allen Regierungsbüros auf – für zwei Minuten. Und die anderen Oppositionspolitiker lassen sich wie verabredet in Gewahrsam nehmen; es ist ihr Alibi, um nichts zu tun.

Kämpfend untergehen
Im politischen Schmierentheater namens Parlament ist die regierende Kongresspartei der am besten eingeübte Komparse. Es regnet Korruptionsvorwürfe, gegen den Tourismus-Minister etwa, der seinem Bruder billige Schürflizenzen verschafft hat (‚Coalgate‘ heisst der hübsche Name). Gegenangriff von den Regierungsbänken: Wer vergab die meisten Lizenzen im kohlereichen Orissa? Die oppositionelle BJD-Partei. Wer protzte mit Götterstatuen aus purem Gold in seinem Palast in Bangalore, mit Helikoptern und schnellen Autos auf dem Parkplatz? Der Bergwerksminister der BJP. Wen wundert‘s, dass die Parlamentsopposition drei Wochen lang keine einzige Debatte zuliess.

Dem Premierminister platzte endlich der Kragen. „Wenn wir schon untergehen, wollen wir es kämpfend tun“, sagte Manmohan Singh, als er kürzlich einen Schub überfälliger (und schmerzhafter) Wirtschaftsreformen ankündigte. Prompt kündigte die ewig geifernde Lokalpolitikerin Mamata Banerjee den Koalitionsvertrag, zog ihre sechs Minister ab. Umso besser, jubelte der ‚Indian Express‘, denn nun kann Singh endlich einen Eisenbahnminister einsetzen, der die Ausblutung des grössten Arbeitgebers der Welt (1.6 Millionen Angestellte) stoppt. Und der Verlust der parlamentarischen Mehrheit, drohende Neuwahlen?

Keine Sorge, sagen Kongress-Strategen: der Ruf der Politiker ist so schlecht, dass alle Parteien frühzeitige Wahlen fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Die verzweifelte Lage ist nicht weiter ernst. Nur dass der Wiener Schmäh einen indischen Nachsatz verdiente: Nähme man die Lage etwas ernster, wäre sie nicht so verzweifelt. Das tue ich inzwischen zumindest bei mir. Mit wachsender Beklemmung summe ich den Refrain aus einem Lied von Sting: ‚I’m a legal alien/in Mumbai‘.

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