conserve india

Cosima Gill / NZZ vom 6.10.12

Müll gibt es auf Delhis Strassen mehr als genug. Knallbunte Plastictüten türmen sich auf den Gehwegen. Es sind so viele, dass die indische Regierung deren Gebrauch verboten hat. Das Gesetz wird jedoch konsequent ignoriert. Die Bevölkerung resigniert beim Anblick der Müllmassen, nicht aber Anita Ahuja: «Je dreckiger es ist, desto kreativer werde ich.» Gemeinsam mit ihrem Ehemann Shalabh produziert sie aus Abfällen Designer-Handtaschen.

Leidenschaft für Plastic

Ende der neunziger Jahre entdeckte die Künstlerin ihre Leidenschaft für Plastic. In ihrem Labor experimentierte sie mit dem Material. Ihr Mann, ausgebildeter Ingenieur, konstruierte schliesslich eine Maschine, die aus Plastictüten neue, textil anmutende Materialbahnen produziert. Diese Innovation brachte 1998 den Durchbruch für Conserve India.

Die Fertigung der Handtaschen beginnt im Slum in Bahadurgarh in der Nähe der indischen Hauptstadt. 150 sogenannte Ragpicker (Müllsammler) ziehen täglich durch die Strassen und sammeln den Abfall, der auf der Fahrradrikscha in den Slum transportiert wird. Erst werden die verschiedenen Materialien getrennt, in einem zweiten Schritt nach Farben sortiert. Danach wird der Abfall gereinigt. Getrocknet werden die gewaschenen Tüten an der Sonne.

Schliesslich wird daraus ein neues Material gepresst. «Die Plastictüten werden in Schichten übereinandergelegt, erhitzt und gepresst», sagt Anita Ahuja. Beim Erhitzen passt sie besonders auf, dass die Originalfarben der Plasticverpackungen nicht verloren gehen. 25 bis 30 Tüten werden für 100×70 Zentimeter des neuen Materials gebraucht. Daraus werden dann die Taschen zugeschnitten und genäht.

Dem Ehepaar Ahuja geht es nicht primär um ihre Marke, im Vordergrund steht vielmehr der soziale Aspekt des Unternehmens. Ihr Ziel ist es, so viele Arbeitsplätze wie möglich zu schaffen. Die Taschen sind da nur Mittel zum Zweck. Im August dieses Jahres hat das Unternehmen auch seine erste Schule eröffnet. Hier sollen Lehrer die Kinder der Ragpicker unterrichten, bis sie an einer staatlichen Schule aufgenommen werden.

Ein weiteres Projekt sind die medizinische Versorgung der Mitarbeiter sowie die Unterstützung der Angestellten bei Behördengängen. Ausserdem sichert die Organisation den Müllsammlern ein geregeltes Einkommen. Die Ragpicker werden pro Kilo bezahlt, für hundert Kilo bekommen sie 2500 Rupien, das sind etwa 43 Franken.

Erfolg in Europa

Die Taschen von Conserve India verkaufen sich auf dem europäischen Markt gut, so die 52-jährige Anita Ahuja. Die Idee des «Upcyclings», also aus alten Produkten ein neues, wertvolleres herzustellen, kommt an. Anders sieht es mit dem Erfolg auf dem indischen Markt aus – hier hätten die Handtaschen aus Verpackungsmüll keine Chance. «Die Inder sehen den Müll nur als Dreck und noch nicht als Ressource», weiss Anita Ahuja.

www.conserveindia.org

 

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