Giftkatastrophe

Das endlose Leiden der Kinder im indischen Bhopal

Vor 28 Jahren starben in der indischen Stadt mindestens 15.000 Menschen, bis heute leiden die Einwohner, Babys werden tot geboren. Nun werden an Hilfe suchenden Opfern Medikamentenstudien durchgeführt.

giftkatastrophe

Mit einer dicken Brille auf der Nase sitzt Abdul Jabbar in seinem Büro im zentralindischen Bhopal auf einem Plastikstuhl. Die weiße Kurta über den Baumwollhosen erinnert an einen Arztkittel. Aber Jabbar ist kein Arzt, er ist Vollzeitaktivist. Der Kampf für die Opfer der Chemiekatastrophe vor 28 Jahren ist zu seiner Lebensaufgabe geworden. Auf seinem Schoß liegt ein dicker Aktenstapel, aus dem er jetzt die Kopien einiger Briefe hervorzieht, adressiert an Politiker, Behörden, die indische Regierung. Insgesamt müssen es Tausende sein. Sein Gegner ist mächtig: der US-Konzern Dow Chemical, zweitgrößter Chemiekonzern der Welt – und seit elf Jahren 100-prozentiger Eigentümer und Rechtsnachfolger der Union Carbide Corporation, die das Unglück am 3.Dezember 1984 verschuldete.

Seine schlechten Augen werden Jabbar immer an diesen Tag erinnern. Das ausströmende Gas raubte dem damals 47-Jährigen zwei Drittel seines Augenlichts. Aber er überlebte und gründete die Opferorganisation Bhopal Gas Pidit Mahila Udyog Sangathan, die mittlerweile mehr als 30.000 Mitglieder zählt. Noch heute kommt jedes vierte Baby in Bhopal tot zur Welt, zahllose Menschen leiden unter Atemnot und Krebs, haben Nervenkrankheiten oder sind unfruchtbar, das Grundwasser ist verseucht, immer noch. Dow weist jede Verantwortung von sich, Presseanfragen zu 1984 und den Folgen werden nicht beantwortet. Union Carbide zahlte 1991 lediglich 100.000 Opfern in Bhopal rund 375 Millionen Euro. “Das ist ein Witz”, sagt Jabbar, der gemeinsam mit anderen Aktivisten vor den Obersten Gerichtshof Indiens gezogen ist und jetzt auf ein Urteil wartet. “Selbst wenn man nur täglich ein paar Rupien für Medikamente berechnet, reicht das Geld bei Weitem nicht.” Also gehen die Opfer dahin, wo es die Medizin gratis gibt.

Im Stadtteil Bhanpur bahnen sich streunende Hunde ihren Weg zwischen hupenden Bussen, Taxis und Motor-Rikschas, Männer waschen sich die Füße unter Straßenpumpen. Glatt geteert ist nur die lange Einfahrt zu einem modernen Bau mit Glasfassade, davor stehen Wachleute. Das Bhopal Memorial Hospital and Research Centre (BMHRC) hat 350 Betten auf fünf Stockwerken, 4500 Gasopfer werden am BHMRC und seinen Zweigstellen täglich behandelt – gratis. Einen hohen Preis haben viele Patienten trotzdem bezahlt. Nach all den Jahren klingt es fast sachlich, wenn Jabbar von Medikamentenversuchen westlicher Pharmakonzerne wie AstraZeneca, GlaxoSmithKline und Theravance spricht. In deren Folge starben nach Angaben der indischen Arzneimittelzulassungsbehörde 14 Patienten am BMHRC, Aktivisten schätzen die Zahl weit höher. “Erst töten sie die Leute mit Gas, dann die Überlebenden mit Medikamenten”, sagt Jabbar verbittert. Meist sind es mittellose Leute, Analphabeten.

Auch Ramadhar Shivastar (65) konnte nicht lesen, was auf den Papieren stand, die er unterschrieb. Der Eingang zu seinem Verschlag ist dunkel, auch drinnen gibt es kein Tageslicht. Zu sechst wohnen sie hier, die Wohnstube ist gleichzeitig Schlaf- und Esszimmer, das Bett ist der Sitzplatz für Gäste. Seine Frau brüht dicken süßen Tee auf, doch Shivastar will keinen, “der Magen”. Seit 28 Jahren leidet er an chronischen Beschwerden. “Aber Gott hat mich zweimal gerettet: einmal 1984 und dann noch einmal vor fünf Jahren.” Shivastar atmet schwer, auch die Lungen hat das Gas angegriffen, 2007 dann der Herzinfarkt. Er erfuhr vom BMHRC. Dort wurde Shivastar gratis behandelt und lernte ein neues Wort, Angioplastie, ein Verfahren zur Wiederöffnung verengter oder verschlossener Blutgefäße. Dazu bekam er zwei unbeschriftete Behälter mit Tabletten und ein Papier zur Unterschrift. “Es war auf Englisch. Keine Ahnung, was da stand.” Unterschrieben hat Shivastar trotzdem, immer wieder. Etwa zwei Jahre lang, erzählt er, habe der Doktor jeden Monat angerufen und ihn daran erinnert, die nächste Arzneiration abzuholen. Vielleicht hätte Shivastar nie erfahren, dass er ein Medikament testete, das in Europa noch nicht zugelassen war, wenn nicht im Juni 2010 ein Journalist vor seiner Tür gestanden hätte, der ihm noch ein neues Wort erklärte: Medikamentenstudie. Der britische Pharmakonzern AstraZeneca testete laut indischer Zulassungsbehörde am BMHRC Ticagrelor, das 2010 unter dem Namen Brilique in Europa und den USA gegen Herzinfarkt auf den Markt kam. Drei Probanden starben im Zusammenhang mit der Studie. Heute kennt Shivastar die Fakten, tun kann er nicht viel. Das Geld für einen Anwalt fehlt. “Die Klinik verweigerte mir sogar den Einblick in meine Krankenakte.” Aber wenn Shivastar wieder krank werden sollte, wird er ins BMHRC gehen. Krankenversicherung ist für die meisten Inder ebenfalls ein Fremdwort.

Wie viele Opfer des Chemieunglücks am BMHRC zu Versuchskaninchen wurden, lässt sich nur schwer überblicken. Nachweislich seien 279 Menschen geschädigt worden, sagt Rachna Dhingra. Die 35-jährige Gründerin der “Bhopal Group For Information And Action” zieht einen dicken Ordner aus einem hohen Stapel. “Das ist der Beweis”, sagt sie und legt ein Papier auf den Tisch: Eine Liste von zehn Studien, die mindestens 14 Todesfälle zur Folge gehabt, dem BMHRC aber mehr als zehn Millionen Rupien (knapp 145.000 Euro) eingebracht hätten, erklärt Dhingra. Offiziell ist eine Zustimmungserklärung bei Medikamentenstudien zwar auch in Indien vorgeschrieben: Die Probanden werden über Risiken und mögliche Nebenwirkungen aufgeklärt und müssen dem Test ausdrücklich zustimmen. Damit entspricht der Gesetzgeber der Helsinki-Deklaration des Weltärztebundes, die zudem den “Patientenschutz über allen anderen Interessen” stellt. Aber ein indischer Chefarzt verdient im Durchschnitt 75.000 Rupien (gut 1000 Euro) pro Monat. Mit Medikamententests kann er ein paar Millionen Rupien dazuverdienen. Dabei versäumen die Ärzte es nicht, sich rechtlich abzusichern: Die Zustimmungserklärung können sie stets nachweisen – obwohl jeder zweite Inder weder lesen noch schreiben kann.

Der Zynismus der Branche hat Dhingra, die in Delhi studiert hat, zur Aktivistin gemacht. Bis 2003 arbeitete sie in den USA für Dow Chemical, dann wechselte sie die Seite und kehrte nach Bhopal zurück. Zusammen mit ihrem Mann Sattinath Sarangi baute sie ein eigenes kleines Krankenhaus für Gasopfer auf, finanziert mit Spendengeldern. In der Sambhavana Clinic sucht sie weiter nach Fällen, die noch nicht bekannt geworden sind. “Unser größtes Hindernis ist dieser Morast an Korruption”, sagt Dhingra. Will ein Pharmaunternehmen in Indien ein Präparat testen, muss es seinen Antrag bei einer Ethikkommission einreichen. Wird der Versuch dort gutgeheißen, muss er von der Zulassungsstelle abgesegnet werden. Wird er abgelehnt, kann er an eine andere Kommission weitergegeben werden. “In diesen Kommissionen kann im Prinzip jeder Mitglied werden”, sagt Dhingra. Wie das am Ende aussehen kann, zeigt etwa der Test “Oasis-6” des Konzert GlaxoSmithKline für ein Herzmittel, bei dem es nach Recherchen des britischen “Independent” sechs Tote gab: Der vom Klinikmanagement berufene Chefermittler am BMHRC war gleichzeitig der Leiter der Kardiologie, seine Frau wiederum spielte als Sekretärin der Ethikkommission eine Schlüsselrolle in der Zulassung der Medizin.

Chandra Gulhati (71), pensionierter Internist und Gründer des medizinischen Fachblatts “Monthly Index Of Medical Specialities”, überraschen derlei Nachrichten nicht. Sein Büro ist ein höhlenartiger Raum mit rotbraun gemusterter Tapete am Nehru-Platz mitten in Delhi. Auf dem Tisch, unter dem Tisch, in den Regalen – überall stapeln sich die Papiere, die er in all den Jahren, in denen er sich mit der Pharmaindustrie beschäftigt, angehäuft hat. Sein Fazit in einem Wort: “Neokolonialismus”. Tatsächlich ist Indien laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zum attraktivsten Testland weltweit geworden. 2011 wurden hier fast eine halbe Milliarde Euro investiert, derzeit laufen etwa 1900 Studien mit 150.000 Probanden. Die Bedingungen sind optimal: 1,2 Milliarden Einwohner, viele sind krank, 80 Prozent verdienen nicht mehr als 1,50 Euro am Tag, die Lohnkosten sind niedrig und das System ist korrupt. “Die indische Kontrollbehörde gibt jedes Jahr 5000 Versuche frei. Zuständig dafür sind aber nur 15 Inspekteure. Die müssten also theoretisch jeden Tag drei bis vier – mehrere Tausend Seiten starke – Anträge lesen”, sagt Gulhati. Die Zahl der Tests in Indien ist nach 2005 um mehr als das Fünffache gestiegen. Vorher waren sie nur erlaubt, wenn schon im Ausland Versuche durchgeführt worden waren. Jetzt haben die Konzerne freie Hand. “Die Behörden sehen darin eine Stärkung des Wirtschaftsstandorts Indien. Da ist das Risiko von ein paar toten Analphabeten kein wirkliches Hindernis.”

Das Outsourcing lohnt sich für die Pharmakonzerne. Experten wie Gulhati schätzen, dass diese bis zu 60 Prozent der Entwicklungskosten eines neuen Medikaments sparen und dank fehlender bürokratischer Hürden auch Zeit. Groß im Geschäft seien zudem Mittel, die im Westen keine Zulassung erhalten haben, aber schon produziert wurden. “Arzneimittelhersteller verkaufen hier Medizin, die in Deutschland verboten ist. Sie wegzuwerfen wäre ja ein Verlustgeschäft”, sagt Gulhati bitter. Und selbst wenn die in Indien getesteten Medikamente für den westlichen Markt zugelassen werden: “Wer sagt denn, dass nicht Bestechung dahintersteckt? Nicht jede Medizin, die in Indien getestet wurde und in Deutschland auf den Markt kommt, ist auch wirklich sicher!” Dass der eine oder andere Skandal überhaupt bekannt geworden ist, ist Aktivisten wie Dhingra oder Jabbal zu verdanken. Auf ihren Druck hin untersuchte das indische Gesundheitsministerium einige Medikamentenstudien. Gulhati ist überzeugt, dass die Dunkelziffer enorm hoch ist. “Obduktionen gibt es nicht. Und wer von seinem Schicksal erfährt, hat kein Geld für einen Anwalt.” Nach Angaben der indischen Regierung starben im vergangenen Jahr 438 Probanden während klinischer Studien. Eine von der indischen Zeitung “Business Standard” eingesehene Aufstellung der Zulassungsstelle zeigt, dass allein bei Novartis-Tests 57 Personen starben. Auf der Liste folgen Bayer und Pfizer mit je 20 Todesfällen und Bristol Mayer Squibb mit 19. Die Beschuldigten bestätigten einen Zusammenhang zwischen Test und Tod nur in 22 Fällen. Auf Anfrage heißt es bei Bayer: “Die in klinische Prüfungen eingeschlossenen Patienten sind zum Teil älter und schwer krank. Sie sind aufgrund ihrer Grunderkrankung und des fortgeschrittenen Alters Hochrisikopatienten, bei denen die Mortalität grundsätzlich hoch ist.” In fünf Fällen zahlte Bayer den Hinterbliebenen pauschal 250.000 Rupien, 5250 US-Dollar. “Das ist eine willkürliche Summe”, moniert Gulhati. Der Konzern hält dagegen: “Unser Unternehmen hat in diesen fünf Fällen entsprechend der lokalen Regelungen und in Abstimmung mit Ethikkommissionen Entschädigungszahlungen geleistet. Diese werden unter Abwägung aller Umstände des jeweiligen Einzelfalles vorgenommen.”

In Bhopal geht der Kampf weiter. Jeden Samstagmorgen trifft Abdul Jabbar im Yaadgar-e-Sahajahan-Park Mitstreiter, um über ausstehende Gerichtsurteile zu sprechen, über ihre Gesundheit und angemessene Entschädigungen. Auf dem Weg zum Park glitzert der Bhoj Taal, der Große See, in der Morgensonne. Die Neem-Bäume mit ihren kupferfarbenen Stämmen breiten ihre Lorbeer-ähnlichen Blätter über die Straßen, der Wind treibt den Duft ihrer weißen Blüten zum See. Die Idylle trügt. Hinter den himmelblau getünchten Mauern, die unweit von hier den Dow-Konzern von außen abschirmen, lagern immer noch 346 Tonnen Giftmüll. Doch immerhin dieses Problem soll jetzt gelöst werden: Da die lokale Bevölkerung und Umweltgruppen nicht wollen, dass der Giftmüll in der 200 Kilometer entfernten Verbrennungsanlage entsorgt wird, setzen sie jetzt auf deutsches Know-how: Der Giftmüll soll in Hamburg verbrannt werden.

Jenni Roth

Advertisements
Tagged

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: