Proteste in Indien

Proteste in Indien
3.1.2013, 18:36 Uhr
Wut tritt an Stelle der Angst

Die Vergewaltigung einer jungen Frau hat in Indien eine Debatte ausgelöst, die längst überfällig war. Von Suzanne Moore

Lautstark protestieren in Indien jetzt auch Frauen, die bisher die Gewalt still ertragen haben. (Bild: Reuters/Vivek Prakash)
Als ich vor dreissig Jahren zum ersten Mal in Delhi war, wohnte ich dort in einer schäbigen Absteige. Die ganze Nacht klopften Männer an meine Tür, die zwei Dinge wollten: Sex und Johnnie Walker. Ich verbarrikadierte mich in meinem Zimmer und holte mein Schweizer Sackmesser und meine Hutnadel raus. Letztere erwies sich vor allem in öffentlichen Verkehrsmitteln als äusserst nützlich.

Trotzdem verliebte ich mich in Indien, denn es ist nicht ein Land, sondern viele. Und auch wenn ich seither immer wieder dorthin gereist bin, weiss ich, dass ich nur an der Oberfläche kratzen könnte, selbst wenn ich mein ganzes Leben hier verbrächte. Ich bin hier Touristin, da mache ich mir nichts vor. Gerade mache ich mit meiner Familie Ferien in Goa, wo Westler und wohlhabende Inder an schönen Stränden das Leben geniessen. Sie wollen hier feiern, Erdbeer-Mojitos trinken, tanzen.

Ich aber kann nicht aufhören, die Nachrichten zu verfolgen. Es ist etwas im Gange, das wichtiger ist, als der neuste Trance-Mix. So etwas, wie den Ausbruch des Zorns, nachdem eine junge Frau – «Damini» genannt – in einem Bus von sechs Männern vergewaltigt wurde und dann starb, habe ich in Indien noch nie erlebt. Diese Wut hat lange auf sich warten lassen. Doch nun finden nicht nur im Zentrum Delhis Demonstrationen und Mahnwachen statt, sondern überall von Kalkutta bis Panjim. Dieses eine Mal sind Norden und Süden vereint. Rapper aus dem Kaschmir machen Musik, um die Frauen von Delhi zu unterstützen.

Die Statistiken sind nicht neu, aber sie sind so unübersehbar, wie die Familien, Männer, Frauen und Kinder, die jetzt demonstrieren. Im vergangenen Jahr gab es in Delhi 635 gemeldete Vergewaltigungen und eine Verurteilung. An Orten wie Karnataka ist es schlimmer, aber Delhi rühmt sich eben damit, das moderne Indien zu sein. Jason Burke, der Indienkorrespondent des «Guardian», hat zutreffend geschrieben, in dieser eigentümlich indischen Gemengelage aus Wut, Sentimentalität und Verleugnung prallten neu und alt aufeinander.

Es geht nicht um Sex
Am neuen, modernen Technikland, als das Indien sich gerne verkaufen will, haftet der Makel seines Verhältnisses zu Frauen. Ich schaute gerade die Nachrichten, als «Braveheart» – so lautet einer der abscheulichen Namen, die dem Opfer gegeben wurden – nach Singapur geflogen wurde. Warum? Aus dem Augen, aus dem Sinn? In Indien gibt es einige der besten Krankenhäuser der Welt. In Städten wie Chennai kann man kaum einen Fuss vor den anderen setzen, so viele Europäer kommen dorther, um sich eine neue Hüfte oder ein neues Knie einsetzen zu lassen. Wer verlegt eine Patientin mit Organversagen, Hirnverletzungen und Infektionen, die schon einen Herzstillstand hatte? Junge Männer riefen bei Nachrichtensendern an und boten an, ihren Darm zu spenden – der des Opfers musste aufgrund der Verletzungen, die ihr mit einer Eisenstange zugefügt wurden, entfernt werden.

Die Krux – über die viele nicht zu reden bereit sind – ist, dass es bei Vergewaltigung nicht um Sex geht. Es geht um Macht. Um Folter. Um Brutalität. Am 30. Dezember gab es wieder einen Übergriff auf eine junge Frau, wieder in einem Bus. In der vergangenen Woche starb in Gujarat ein zweijähriges Mädchen nach einer Vergewaltigung, während ein weiteres Opfer einer Gruppenvergewaltigung Selbstmord beging. Sie war vor die Entscheidung gestellt worden, die Anklage fallen zu lassen oder einen ihrer Angreifer zu heiraten.

Für die «Unberührbaren» Alltag
Arundhati Roy hat thematisiert, wie die indische Armee Vergewaltigungen in Kaschmir und Manipur als Kriegswaffe einsetzt. Auch die Polizei und die obere Kaste tun dies. Es wurde Überraschung darüber bekundet, dass Damini keine Dalit, keine Unberührbare war. Für die sind Vergewaltigungen Alltag. Wo es keine Toiletten gibt, werden Frauen im Wald vergewaltigt.

Nun aber stellt sich heraus, dass auch die Frauen der Mittelschicht nicht sicher sind. Sie gehen nach Sonnenuntergang nicht mehr aus. Eine sagte mir, Indien sei schlimmer als Saudi Arabien. Der Polizei vertraut niemand. Manchmal müssen vergewaltigte Frauen einen «Fingertest» über sich ergehen lassen, bei dem ein Arzt feststellt, ob ihre Vagina «an Geschlechtsverkehr gewöhnt» ist. Die normalen Frauen hier sind wütend. Sie tragen Plakate, auf denen steht «Tötet die Gräueltäter» oder «Foltert sie zu Tode». Ermutigend ist hingegen, im TV junge, artikulierte Frauen zu sehen, die ein Gespräch führen, das längst überfällig war.

Die Reaktion der Politik war fürchterlich, Sonia Gandhis Rede an die Nation vollkommen unangemessen. Einige weibliche Politiker sagen, Frauen, die vergewaltigt würden, seien wegen ihrer «Abenteuerlust» selber schuld. Der Sohn des Präsidenten bezeichnete die Demonstrantinnen als «angeknackst» und «aufgetakelt». Als verrückt und bedeutungslos wurden solche Stellungnahmen der politischen Klasse kritisiert.

Daminis Leiche wurde aus Singapur zurück gebracht und eingeäschert – nachts, unter erheblichen Sicherheitsmassnahmen, um weitere Proteste zu verhindern. Sie wurde nicht, wie es der Brauch ist, in ihr Dorf überführt. Ihre Mutter erlitt einen Zusammenbruch.

Politiker fürchten eine «rosa Revolution»
Die junge Frau hiess in Wirklichkeit gar nicht Damini. Ihre Identität ist weiterhin unbekannt. Vergewaltigt zu werden ist immerhin eine Schande. Damini ist ein Wort aus dem Sanskrit. Es heisst Blitz. Und es ist der Name der Heldin eines bekannten indischen Films, die sich weigert, zuzulassen, dass ein Vergewaltiger der Gerechtigkeit entkommt. Mehrere grosse Bollywood-Stars haben ihr Entsetzen zum Ausdruck gebracht. Trotzdem kommt ein Bollywood-Film nach dem anderen heraus, in dem eine Frau im Namen der Romantik in die Unterwerfung getrieben wird.

Am meisten ängstigt einen Teil der Politiker, dass die jungen, gebildeten Menschen, die jetzt einen Wandel verlangen, sie an den Arabischen Frühling erinnern. Sie fürchten die, wie sie es nennen, «rosa Revolution». Wenn Leute sagen, Feminismus sei ein Zeitvertreib für einige wenige weisse Mittelschichtsfrauen im Westen, die sich den Kopf darüber zerbrechen, ob sie Lippenstift tragen sollen oder nicht, wünschte ich, sie könnten diese zornigen Männer und Frauen sehen, die fordern, dass Frauen in Sicherheit leben können und die aussprechen, dass Vergewaltigung immer eine Waffe ist, mit der Frauen in Angst gehalten werden sollen.

Wo ist die vielgepriesene Modernität?
Etwas geschieht in Indien – die Wut tritt an die Stelle der Angst. Der Damm ist gebrochen. Die Politiker wollen eine Law-and-Order-Debatte führen, in der radikalen geht es aber darum, wie die Kultur selbst sich verändern liesse. Und weil wir von Indien sprechen, geht es um eine Vielzahl von Kulturen. Irgendwie jedoch unterzieht sich dieses Land – durch den Schock und das Trauma hindurch – selbst einer Prüfung. Und seine vielgepriesene Modernität wirkt dabei gar nicht mehr so modern.

Das neue Indien kann nur geboren werden, wenn die Frauen das Recht auf Freiheit, Sicherheit und Gleichheit erhalten. Manch einer hat das vielleicht schon immer gewusst. Ich weiss nur, dass nun sehr viel mehr Inder es wissen. Politisch ist vom «höchsten Opfer der jungen, mutigen Tochter Indiens» die Rede. Diese Frau hat den Tod nicht gewählt. Sie wurde ermordet. Das empört diejenigen, die bei Nacht Mahnwachen halten. Es empört mich. Es kann nicht ausgeflogen, stillgeschwiegen oder zu Asche verbrannt werden. Es lodert. Und es wird weiter brennen.

Copyright: Guardian News & Media Ltd 2013: Übersetzung: Zilla Hofman

Suzanne Moore, Jahrgang 1958, ist eine britische Journalistin. Im Verlaufe ihrer Karriere schrieb sie für verschiedene englische Zeitungen wie «Mail on Sunday», «Independent», «The Guardian», und den «New Statesman».

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