Mach schon, Indien!

Zeig der Welt, dass deine Freiheit der Tyrannei Chinas überlegen ist

VON TIMOTHY GARTON ASH

Warum schneidet die weltgrößte Demokratie offensichtlich schlechter ab als die weltgrößte Diktatur? »Offensichtlich«, das heißt genauer betrachtet, dass die Vergleichsindikatoren zur momentanen Leistungsfähigkeit von Indien und China nicht günstig aussehen. Doch jeder, dem an Freiheit gelegen ist, sollte sich wünschen, dass das freie Indien besser abschneidet.
Sowohl beim Wachstum wie auch beim Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt, bei der Arbeitslosigkeit, dem Haushaltsdefizit und auch der Korruption steht Indien schlechter da als China. Die große Aufholjagd, die noch vor ein paar Jahren vorausgesagt wurde, hat nicht stattgefunden. Beim Pro-Kopf-BIP beispielsweise hinkt Indien (mit 3851 Dollar) China (mit 9146 Dollar) hinterher. Indiens Arbeitslosigkeit war 2011 mehr als doppelt so hoch wie die Chinas. Auch auf der Liste der wahrgenommenen Korruption, die von Transparency International gemessen wird, kommt Indien auf Platz 94, noch hinter dem schon schlechten 80. Rang Chinas. So gehen die Daten weiter.
Sicher, China dürfte seine Statistiken noch stärker schönen, als Indien es tut. Aber fast jeder, mit dem ich während meiner mehr als zweiwöchigen Indienrundreise gesprochen habe, seien es Journalisten, Geschäftsleute, Wissenschaftler oder außenstehende Beobachter, stimmt dem kritischen Urteil zu. Der armen Landbevölkerung, sagen sie, gehe es kaum besser als vor zwei oder drei Jahrzehnten. Ein früherer Richter des Obersten Gerichtshofs erzählte mir mit leidenschaftlicher Empörung, dass wahrscheinlich mehr als 40 Prozent aller indischen Kinder unterernährt seien. »Schlimmer als Afrika!«, rief er aus. Ein umfassender Bericht der Weltbank von 2005 bestätigt dies. Etwa 17000 indische Bauern begingen 2010 nach Missernten Selbstmord. Noch dem oberflächlichsten privilegierten Reisenden sticht die schockierende Nachbarschaft von Überfluss und Mangel ins Auge, sei es in Form der auf Müllbergen errichteten Slums von Mumbai oder der mittelalterlich wirkenden Bauernhöfe, die sich neben brandneuen Autobahnen ducken.
Warum ist das so? Hier ein paar Erklärungen: Im Gegensatz zu China, aber ganz wie Europa, verausgabt Indien einen Großteil seiner Energie, um seine unglaubliche Vielfalt zu bewältigen. Der französische Präsident Charles de Gaulle sagte einmal: »Wie kann man ein Land regieren, das 246 verschiedene Käsesorten hat?« Tja, wie steht es mit einem Land mit 330 Millionen Göttern? Und was heißt überhaupt »ein Land«? Ein englischer Beobachter bemerkte im 19. Jahrhundert, dass Schottland und Spanien sich ähnlicher seien als die Regionen Bengalen und Pandschab. Das mag eine poetische Übertreibung sein, aber tatsächlich ist dieses Land selbst ein Kontinent, ein Staatenbund, ein Imperium. Und genau wie Europa versucht es, diese Vielfalt freiheitlich zu lenken.
China mit seinen riesigen, dünn besiedelten Gebieten, in denen Tibeter und Muslime leben, ist auch vielfältig, aber es bewältigt diese Vielfalt hauptsächlich durch Unterdrückung.
Damit Freiheit in Vielfalt funktioniert, braucht es ein starkes, vereinendes Narrativ. Die Vereinigten Staaten haben eine solche nationale Erzählung, wie man wieder beim Amtsantritt von Präsident Barack Obama sehen konnte. (Ja, es ist ein Mythos, aber nationale Mythen können Berge versetzen.) Europa hatte nach 1945 ein solches Narrativ, es hat es aber verloren. Auch in Indien gab es in den ersten Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit eine Zukunftsidee, wie Europa aber hat es den Anschluss daran verloren. Stattdessen rivalisieren heute viele nationale Geschichten in einem politischen und medialen Gewirr miteinander. Viele dieser Diskurse sind leider sektiererisch, regional und chauvinistisch geprägt. Sie spalten eher, als zu vereinen.
Und dann gibt es da noch die Licence Raj, die Lizenzherrschaft. Administrative Strukturen aus der Zeit des britischen Empires sind in vielen Bereichen erstaunlich unverändert geblieben und mittlerweile zu einer albtraumhaften Bürokratie herangewuchert. Führende indischen Industrielle investieren anderswo, weil es in Indien sieben oder acht Jahre dauert, alle notwendigen Genehmigungen zusammenzubekommen.
Wenn die Bürokratie eines postkolonialen Staates das Problem ist, sollten Deregulierungen und ökonomische Liberalisierung die Lösung sein, und in mancherlei Beziehung sind sie es. Sie sind zum Beispiel der einzige Weg, um ein Freihandelsabkommen zwischen Indien und der EU zu bekommen, was für beide Seiten große Vorteile bringen könnte. Gleichzeitig ist die Marktliberalisierung, die in den neunziger Jahren begann, Teil des Problems. Man nehme zum Beispiel die Medien.
Indiens Medien ergehen sich in einem kommerziellen, sensationalistischen Wettbewerb, gegen den der US-Sender Fox News geradezu fair und ausgewogen wirkt und die britische Boulevardzeitung The Sun wie das Hausblatt der Heilsarmee. Einige wenige Qualitätszeitungen wie The Hindu sind Ausnahmen, die die Regel bestätigen. In anderen Blättern füllen Anzeigen die Titelseiten, und »bezahlte Nachrichten« (Unternehmen zahlen für freundliche Berichterstattung) sind gang und gäbe.
Und dann wäre da noch die Politik. Jeder, aber wirklich jeder, erzählt mir, dass Business und Politik in Delhi untrennbar vereint seien, wie tantrische Götter und Göttinnen. Neben schrillen Beleidigungen sowie regionalen und religiösen Identitätspolitiken nach dynastischen Prinzipien (man nehme nur den unaufhaltsamen Aufstieg von Rahul Gandhi in der Kongresspartei) herrscht eine ungeheuerlich herablassende Art gegenüber zwei Dritteln der Inder, die immer noch bettelarm sind. Während einige unternehmerische und humanitäre Initiativen ihnen Hilfe zur Selbsthilfe anbieten, gewähren die Politiker ihnen bloß Zuschüsse für Grundnahrungsmittel, ein paar andere billige Annehmlichkeiten und eine garantierte Niedriglohnbeschäftigung für ein paar Tage im Jahr – alles, um sich bei der nächsten Wahl Stimmen zu kaufen. Nach dem alten römischen Rezept bietet man dem Plebs Brot und Spiele. Die Spiele sind in diesem Fall Kricket (»ein indisches Spiel, das die Briten nur erfunden haben«) und das allgemeine Trara um Bollywood-Promis.
Ist es daher programmiert, dass China das Rennen gewinnen wird? Nein und nochmals nein. Nein, weil das indische System eine tägliche Seifenoper von kleinen Krisen ist; die große Krise aber von Chinas widersprüchlichem System des leninistischen Kapitalismus steht noch aus. Und nochmals nein, weil Indien ein freies Land ist mit einer absolut erstaunlichen Vielfalt an menschlichen Talenten und Persönlichkeiten, an Originalität und Spiritualität. Ganz sicher wird sich der freie Ausdruck menschlicher Individualität am Ende auszahlen.
Deshalb: Los geht’s, Indien! Meinetwegen kannst du England in jedem Kricket-Match der nächsten zehn Jahre schlagen, aber unter einer Bedingung: dass du auch anfängst, China in der Politik zu schlagen. Und mit Politik meine ich nicht den unbedeutenden Konkurrenzkampf um Macht und Privilegien – sondern dass du das volle Potenzial deines Volkes erkennst.

Aus dem Englischen von HANNA LÜTKE LANG

POLITIK MEINUNG
DIE ZEIT NO10 / 2013

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: