Krishna ist dort, wo es schön ist

Artikel aus TRANSHELVETICA, 07.09.2012

Eine Begegnung mit dem Mönch und Leiter des Krishna Tempels Zürich. – Von Noëmi Lerch (Text) und Hanin Lerch (Bild)
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Zwischen dem Wald- und Stadtrand Zürichs, in der Nähe der Kirche Fluntern, befindet sich ein anderes Land. Steht man dort vor dem roten Haus, in dem es sich befindet, sieht man Leute, die man in der Umgangssprache wohl einfach als «Hindus» bezeichnen würde. Der raue Herbstwind weht durch ihre bunten Saris und lässt die goldenen Pailletten klimpern. Kinder spielen Fangen, wie alle Kinder der Welt eben Fangen spielen. Ich öffne die Tür zum Tempel und trete ein.

Ein warmer Geruch nach Essen und Räucherstäbchen umfängt mich. An einem Tisch sitzen zwei ältere Männer und eine Frau, einer der Männer hat einen Teller mit dampfendem Essen vor sich. Aus einem anderen Raum tönt Musik und Gesang, an der Decke glitzert ein Kronleuchter und in den Ecken und Winkeln der Eingangshalle stehen Blumen, Kerzen und tanzende Skulpturen. Ein junger Mann kommt mir entgegen, stellt sich als Krishna Premarupa vor und grüsst zum Sonntagsfest. Er trägt ein oranges Gewand, sein Kopf ist bis auf einige Strähnen am Hinterkopf rasiert. Er ist jünger, als ich mir den Tempelpräsidenten vorgestellt habe.

Nachdem ich meine Schuhe ausgezogen habe, folge ich ihm die Treppe hinauf in den ersten Stock. Er trägt Socken und ich weiss auch nicht genau, weshalb mich das erstaunt. Das Haus war früher im Besitz der Bankierfamilie Bär, bis es 1980 von der Tempelgemeinschaft übernommen und renoviert wurde. In einem der Zimmer befindet sich auch ein Büro. «Die Leute denken manchmal, wir Mönche würden so etwas nicht brauchen», sagt Prema. «Aber wir leben ja nicht hinter dem Mond.» In einem weiteren Zimmer begegnen wir einem alten Mann, der seltsam unbeweglich an einem Tisch sitzt und in einem Buch liest. Erst beim zweiten Hinschauen merke ich, dass es sich um eine Puppe handelt. Prema lacht. Es komme immer wieder vor, dass sich Leute bei ihm erkundigen, weshalb der alte Mann im Studierzimmer sie nicht gegrüsst habe. Bei der Figur handelt es sich um eine Nachbildung des Gründers der ISKCON, der internationalen Gemeinschaft für Krishna-Bewusstsein, Abhay Charan Bhaktivedanta Swami Prabhupada. Die Wände des Zimmers bestehen aus Büchern und über den Büchern sind Bilder angebracht, die den Lebensweg Krishnas aufzeigen.

Krishna als Kuhhirte. Krishna und die Hirtenmädchen. Krishna und seine Geliebte Radha. Die Bilder werden der Bhagavad-Gita, der heiligen Schrift zufolge nachgezeichnet, wobei den Malern während ihrer Arbeit immer ein Guru (Lehrer) zur Seite steht.

Kitchen-Religion
In der Küche sind zwei Mönche soeben dabei, Fladenbrote in einer Pfanne zu braten, aus dem Radio tönen Mantra-Gesänge. Nicht umsonst wird die Religion Krishnas auch die «Kitchen-Religion» genannt. Das Essen wird als spirituelle Kraft angesehen, weshalb die Mönche in der Stadt manchmal auch Süssigkeiten an Passanten verteilen: als Stärkung für Herz und Kopf sozusagen. Bevor die Tempelbewohner und ihre Besucher aber essen dürfen, müssen die Speisen erst Krishna dargebracht werden. Er «isst» und ehrt es, indem er es anschaut. Das Gebot der Gewaltlosigkeit, ein Grundpfeiler der vedischen Philosophie, verbietet den Verzehr von gewaltsam hergestellten Nahrungsmitteln. Auf Milch wird nicht verzichtet, denn Krishna selbst liebt Süssigkeiten, die unter anderem aus Milch hergestellt werden. Die Milch, die hier im Tempel verwendet wird, stammt von einem biologischen Bauernhof aus der Region. Es handle sich um «Ahimsha Milch»: gewaltfreie Milch.

Im Gemeinschaftsraum wird noch immer gesungen und musiziert. Hier haben sich Tempelbewohner, Freunde und Gäste von ausserhalb versammelt. Es spielt keine Rolle, an welchen Gott man glaubt, sagt Prema. Jeder kann den Namen des Gottes singen, den er hat. Wer nicht mitsingt, klatscht den Takt oder schliesst die Augen. Der Raum ist mit Blumen und Kerzen geschmückt, auf einem Altar stehen drei goldene Krishna-Figuren, zu ihren Füssen liegen Opfergaben. Krishna ist immer dort, wo es schön ist. Deshalb bemalen sich die Krishna-Mitglieder an der Stirn und an zwölf weiteren Stellen des Körpers mit der rotbraunen Erde des heiligen Flusses Ganges. Sie sehen ihren Körper als einen Tempel, den man genauso schmücken und verzieren sollte. Die Musik ist unterdessen verklungen und der Tempelpräsident nimmt neben den Musikern Platz. Er kündigt das Thema der heutigen Vorlesung an: der Tod aus vedischer Sicht. Der Bhagavad-Gita zufolge ist es sehr entscheidend, woran wir im Moment des Sterbens denken, weil das unsere Gestalt im nächsten Leben bestimmen wird. Aus diesem Grund würden auch die meisten Frauen in ihrem nächsten Leben zu Männern und umgekehrt.

Auf die geistige Nahrung folgt die leibliche. Wer das erste Mal zu Besuch kommt, wird zum Essen eingeladen. Aus grossen Töpfen werden Speisen in allen Farben und Konsistenzen geschöpft, dazu gibt es Fladenbrot und Mango Lassi. Wir setzen uns im Aufenthaltsraum auf den Boden, das Essen schmeckt gut und ich muss mich konzentrieren, dass mir trotz des Genusses der Gesprächsfaden nicht abhanden kommt. Doch Prema beginnt von sich aus weiter zu erzählen.

Von Elektro zum Mantra
Sein bürgerlicher Name ist Christoph Truttmann. Er hat Koch gelernt und ging früher gerne zu Elektro Parties. Hat selbst sogar welche veranstaltet. Im Alter von vierundzwanzig Jahren, vor zehn Jahren also, ist er in den Novizenstand eingetreten. Sein erstes Jahr hat er in einem Ashram in Indien verbracht, um die Kultur in ihrem ursprünglichsten Kontext zu erleben. Daraufhin ist er der Gemeinschaft in Zürich beigetreten, deren Leitung er vor vier Jahren übernommen hat. Die Musik ist ein wichtiger Bestandteil seines Lebens geblieben, das Singen und Musizieren auf dem Harmonium gehört zur Bildung der Mönche dazu, wie auch das Tanzen. Beim Tanzen ist man jedoch freier. Es gibt zwar verschiedene Schrittmuster, aber letztendlich kann jeder so tanzen wie er will.

Opfer hat Prema für das Leben im Zölibat nach eigenen Angaben keine erbringen müssen, obwohl das Mönchsleben in der Stadt Zürich weitaus schwieriger ist als irgendwo auf dem Land. Wenn er aus dem Bürofester schaut, sieht er direkt auf die neue Bikini-Werbung von H&M. Das ist nicht immer ganz einfach. Wer möchte, kann den Mönchsstand aber jederzeit an den Nagel hängen, heiraten und eine Familie gründen. Krishna sagt selbst: die Sexualität bin ich. Lebt man im Zölibat, trifft man bewusst die Entscheidung, zu Gunsten der religiösen Praxis auf eine Beziehung zu verzichten.

Auf die Frage, ob er denn eher für Gott oder für die Menschen lebe, antwortet Prema: «Wenn man einen Baum im Garten hat, kann man entweder all die einzelnen Blätter giessen, oder direkt die Wurzeln und den Stamm des Baumes. Lebt man als Mönch, ist das Giessen der Pflanze, die religiöse Praxis also, der zentrale Lebensinhalt.» Ein Tag im Tempel beginnt um halb vier morgens mit Meditation, gemeinsamem Singen und einer Vorlesung aus der heiligen Schrift. Um neun Uhr gibt es Frühstück. Diese Reihenfolge ist wichtig, denn der Körper muss zuerst mit geistiger Nahrung versorgt werden. Und zudem muss man die Zeit nutzen, in der Zürich noch schläft. Prema ist überzeugt, dass er selbst ohne Uhr und bei geschlossenen Fenstern sagen kann, wann die Stadt erwacht. Es sei die Art der Energie, eine Geschäftigkeit, die sofort spürbar sei.

Nach dem Essen verlassen wir den Aufenthaltsraum und Prema öffnet eine Tür mit der Aufschrift «Zutritt verboten». Im Raum stehen in zwei Reihen Töpfe mit einer besonderen Pflanze darin. Auf den ersten Blick sehen sie aus wie kleine Olivenbäume. Prema nimmt eine der Pflanzen in den Arm und bringt sie zur Tür.

Das ist Tulasi, stellt er mir die Pflanze vor, eine Göttin. Sie kommt in der Form dieser Pflanze zur Erde und steht in Indien vor jedem Haus. Daran lässt sich erkennen, wie präsent die Religion in Indien ist. In der westlichen Kultur ist uns dieser alltägliche Umgang mit dem Glauben abhanden gekommen, so K. Prema.

Trotzdem suchen viele Menschen nach etwas, was ihnen der Wohlstand und ihre Privilegien nicht zu geben vermögen. Der Glaube an Krishna ist eine Möglichkeit, die auch für viele Europäer Sinn macht – in den 1968er Jahren genauso wie heute. Wenn er hingegen als «weisser Elefant» (Westler) im orangen Gewand in Indien durch die Strassen gehe, sei dies für die Inder völlig unverständlich. Für viele von ihnen ist das westliche Leben, wie wir es führen, eine Wunschvorstellung.

Der Westen wartet vor der Tür, als ich abends den Tempel wieder verlasse. Er ist da, ohne dass ich ihn konkret an etwas festmachen kann. Ich mache den obersten Mantelknopf zu und gehe in Richtung Hauptbahnhof. Die Blätter auf der Strasse fallen mir auf. Sie haben dieselbe Farbe wie die Gewänder der Mönche.

http://www.krishna.ch

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