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New Mohur :: Geld für die Welt

Quelle: GDI Impuls 4/12, S. 36-37

Gespräch mit Subroto Roy
New Mohur

Der indische Ökonom Subroto Roy hat dieser Tage für Indien eine neue Währung vorgeschlagen – den New Mohur. Ganz ohne Münzen und Noten hätte er trotzdem (oder gerade deswegen) das Potenzial, zu einer globalen Handelswährung zu werden. Ein Gespräch über die Befreiung des Geldes aus den Händen der Politik und über Global Player im Ökosystem der Währungen.

Von Subroto Roy
Solange ich mich erinnern kann, ist Indiens Währung die Rupie. Jetzt wollen Sie einen «New Mohur» vorstellen. Also muss es einen alten Mohur gegeben haben, oder?
Richtig, die Währung des freien souveränen Indiens war die Rupie. Aber davor gab es den Mohur als muslimische und britische Goldmünze – und er steht in der indischen Bevölkerung immer noch für Wertstabilität! Die Rupie selbst ist ja nicht mehr wie früher eine Silbermünze, sondern ein Papiergeld, bestehend aus Bargeld und Bank-Buchgeld.

Und Sie wollen die Goldmünze zurückbringen?
Nein, viel moderner. Der New Mohur ist lediglich ein Portfolio in einer Bank. Es besteht zu 75 Prozent aus ausländischen Währungen (sieben harte Währungen plus der chinesische Renminbi) und zu 25 Prozent aus Edelmetallen (Gold und Silber). Von den klassischen Geldfunktionen kann er deshalb die des Tauschmittels nicht erfüllen, aber dafür als Recheneinheit und als Wertaufbewahrungsmittel fungieren – und sogar ein Wertmassstab für einige Investitionsgüter sein, wie Land oder Immobilien.

Wollen Sie damit die Rupie ersetzen? Oder ergänzen?
Beides! Ich möchte die Integrität der Rupie als Währung erhöhen, und zwar drastisch erhöhen, und das sowohl im Inland als auch international. Um das zu erreichen, muss die Währung konvertibel sein, und zwar ernsthaft konvertibel, nicht die falsche Konvertibilität, die es heute in Indien gibt, bei der die ökonomischen und politischen Eliten praktisch unbeschränkten Zugang zu Devisen haben, aber die Masse der Bevölkerung nicht. Milton Friedman mahnte die Regierung von Indien im Jahr 1955, als seit kurzem souveräner Staat solle das Land Devisenkontrollen abschaffen und eine frei konvertierbare Rupie mit flexiblen Wechselkursen einführen und dazu für ein stabiles und berechenbares monetäres Klima sorgen. Indien ignorierte seinen Rat und hielt das Dokument unter Verschluss – bis es 1989 von mir veröffentlicht wurde.

Also soll Ihr New Mohur eine härtere Konkurrenz zur weichen Rupie werden – als eine Art «Goldstandard»?
Lassen Sie mich für die Antwort 99 Jahre zurückgehen: zu John Maynard Keynes’ allererstem Buch, «Indian Currency and Finance». Dort beschrieb er, wie die Rupie bis 1893 als Silber-Standard funktionierte und wie danach der Versuch eines Bimetallismus scheiterte. Indien stolperte also ins 20. Jahrhundert mit einem modifizierten Goldstandard, der allerdings, eher zufällig, dem von Ricardo gesetzten normativen Ziel nahekam, nämlich die Zahlungsmittel, die im internen Kreislauf verwendet werden, genau so zu behandeln, als ob sie aus Gold seien, indem sie für den Zahlungsverkehr mit dem Ausland in Gold konvertierbar sein sollten. Bis 1947 war die Rupie zwar an britischen Interessen orientiert, wurde aber im internationalen Handel vom Irak bis nach Singapur und Australien akzeptiert. Das sollte auch in Zukunft mit einer indischen Währung möglich sein.

Wem wird der New Mohur «gehören»? Wer übernimmt wo die Aufgabe der Zentralbank?
Der New Mohur braucht keine Zentralbank, da es keine Münzen oder Noten im Umlauf gibt. Er braucht auch keine spezielle Einrichtung zur Festlegung des Wechselkurses, da sich dieser aus den jeweiligen Kursen der zugrunde liegenden Währungen und Metalle ergibt. Alle Menschen in Indien werden in der Lage sein, den New Mohur zu verwenden?…

…?wenn sie ein Bankkonto haben.
In der Tat, da die Währung nur bargeldlos eingesetzt werden kann. Für die Rupie hingegen ist eine Zentralbank weiterhin wichtig, um zusammen mit den Finanzbehörden auf die Schaffung eines nicht-inflationären makroökonomischen Umfelds hinzuarbeiten und die Devisenreserven zu verwalten.

Was würden Sie brauchen, um diese neue Währung zu starten? Eine Zustimmung der Regierung? Eine grosse Bank? Einige Handelsunternehmen oder Investmentfonds? Oder nur eine Excel-Tabelle und eine Website?
Erst einmal nichts von alledem. Das für den Beginn entscheidende Element ist eine Debatte. Nur wenn es eine breite Diskussion um die Gründe gibt, die mich zu diesem Vorschlag bringen, kann das den Boden für eine Einführung bereiten. Dazu gehört insbesondere auch eine stärkere Einsicht der politischen und ökonomischen Elite, dass es wichtig ist, eine vertrauenswürdige Rupie zu haben.

Rupie? Ich dachte, der New Mohur soll so vertrauenswürdig werden?
Nicht nur – denn diese Währung soll und wird auch die Rupie stärken. Meine Idee ist, dass Rupien-Besitzer diese frei in New Mohur tauschen können, vor allem für ausländische Transaktionen, dass sie aber im Normalfall keinen besonderen Anreiz haben sollten, grössere Bestände dieser Währung zu halten.

Aber sie soll doch als Wertaufbewahrungsmittel fungieren?
Fungieren können – nicht müssen. Auf Anlagen in New Mohur erhält man keine Zinsen, auf die in Rupien schon. Deshalb sollte die Anlage in Rupien attraktiver sein – es sei denn, die Bürger haben Angst vor einer hohen Inflationsrate und entsprechender Entwertung der Rupie. Deshalb bedeutet allein die Existenz des New Mohur schon eine Verpflichtung für die indische Regierung, die öffentlichen Finanzen in Ordnung zu halten und hohe Inflationsraten nicht einfach als eine Ersatzsteuer zu sehen. Sie kennen die Geschichte von Odysseus, der sich an den Mast seines Schiffes binden liess, um nicht von den Sirenen verführt zu werden: Der New Mohur wäre genau ein solches Seil, um die regierende Klasse vor der Verführung einer weichen Währung zu schützen und damit der indischen Bevölkerung die Kaufkraft ihrer Ersparnisse zu sichern.

Indien ist, um es milde auszudrücken, ein Nachzügler im globalen Markt für vertrauenswürdige und konvertierbare Währungen. Das ist eigentlich keine gute Ausgangslage, um die anderen Währungen zu überholen.
Die ehrliche Antwort ist nein. Indien hat zwar den Vertrag von Versailles als einer der Sieger mit unterschrieben, Indien war zwar Gründungsmitglied der Vereinten Nationen und des Internationalen Währungsfonds, Indien war zwar ein Teilnehmer der Konferenz von Bretton Woods, aber auch jetzt, rund 65 Jahre später, hat das souveräne Indien immer noch keine weltweit akzeptierte, frei konvertierbare Währung. Und es sieht auch nicht so aus, als ob die Rupie bald so weit sein würde. Noch immer wedelt der fiskalische Hund mit dem monetären Schwanz, und mein Ziel ist es, dieses Verhältnis umzudrehen.

Ihre Währung ist in erster Linie ein Korb – mit acht internationalen Währungen und zwei Edelmetallen gefüllt. Das klingt nicht nach einer spezifisch indischen Währung – eher wie eine globale Währung. Wollen Sie eine Währung schaffen, die die Welt verändert?
Mein unmittelbares Anliegen ist es, die tief verwurzelten Probleme der indischen Wirtschafts- und Finanzpolitik anzugehen. Aber wie es manchmal so ist, könnten einige Elemente auch für andere Weltregionen von Interesse sein. Die einzelnen Gewichtungen im Mohur-Korb sind: US-Dollar und Gold je zwanzig Prozent; Euro, Pfund, Yen und Renminbi je zehn Prozent; Kanadischer Dollar, Australischer Dollar, Schweizer Franken und Silber je fünf Prozent. Diese Kombination macht ihn immun gegen jede Art von Missbrauch durch einzelne oder mehrere Regierungen; er ist ein stabiles Wertaufbewahrungsmittel und eine internationale Rechnungseinheit. Und wenn man in Europa oder Amerika Probleme mit dem so fremd klingenden Namen New Mohur haben sollte: Nennen Sie die Währung einfach Neue Dukaten!

Wenn der New Mohur hauptsächlich als Wertaufbewahrungsmittel verwendet werden soll – sollten Sie nicht beginnen, ihn in der Schweiz zu vermarkten, dem grössten Safe der Welt?
Ich wäre begeistert, wenn die Schweizer mich darum bitten würden. Ich kenne von der Schweiz bisher nur den Flughafen Zürich, und ich würde gerne mehr kennenlernen. Aber in der Tat müsste eine solche Währung für die Schweizer Banken von Interesse sein. International betrachtet ähnelt der New Mohur ein wenig den Sonderziehungsrechten, der Währung des Internationalen Währungsfonds, die ja auch eine Recheneinheit und ein Wertaufbewahrungsmittel ist, aber kein Tauschmittel. Allerdings dürfen Sonderziehungsrechte nur von den Regierungen gehalten werden – der New Mohur wäre für jedermann. Und eine einfache, leicht verständliche internationale Währungseinheit mit stabilem Wert müsste auch tatsächlich für jedermann von Interesse sein.

Empfehlen Sie, die Funktion des Wertaufbewahrungsmittels und des Tauschmittels auch in der Eurozone und/oder in der Schweiz voneinander zu trennen?
Für die Schweiz kann ich nicht sprechen, da jeder auf der ganzen Welt die Schweizer Währung mit Respekt behandelt. Mit der Eurozone ist das anders: Dort steht vor allem Griechenland vor einem Problem, das eigentlich eine ähnliche Lösung wie in Indien erfordert – nur umgekehrt. Indien hat schlampige öffentliche Finanzen und braucht dringend eine härtere Währung für den internationalen Handel. Griechenland hingegen hat heute möglicherweise übermässig starre öffentliche Finanzen und könnte gut zusätzlich zum Euro eine weiche, nicht konvertierbare Währung brauchen, um die inländische Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Vielleicht wäre es ganz hilfreich, statt immer nur deutsche auch einmal indische Berater ins Land zu holen.

Interview: Detlef Gürtler

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Textkasten: Weltgeld anno 1622
Geldwertstabilität auch in schwierigen Zeiten, eine Erleichterung der weltweiten Handelsgeschäfte durch eine vertrauenswürdige Währung: Das stand auch schon vor Jahrhunderten auf dem Wunschzettel der Grosskaufleute. Und vor knapp vierhundert Jahren erfüllten sie sich diesen Wunsch: mit der «Mark Banco» der «Hamburger Bank». Diese Bank verfügte über kein eigenes Gebäude, sie arbeitete im Hamburger Rathaus, und ihr Geld verfügte über keine Münzen, sondern nur über einen Wechselkurs – der blieb dafür aber über mehr als 250 Jahre der gleiche: Eine Mark Banco entsprach einem Silbergewicht von 8,66 Gramm. Eingezahlt wurden von den Kunden (vorwiegend in Hamburg tätige Kaufleute) natürlich schon Münzen – von Währungen aus aller Herren Ländern. In den Büchern der Bank wurde dafür ein Guthaben zum jeweiligen Tageskurs in Mark Banco verzeichnet. Da sie als reines Rechengeld einen stabilen, nicht manipulierbaren Wert darstellte, wurde die Mark Banco nicht nur im Gross- und Fernhandel regelmässig benutzt, sondern auch für langfristige Finanzierungen, etwa im Hypothekengeschäft. Erst nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 wurde die Sonderwährung aus dem Verkehr gezogen.
Link zum Thema www.independentindian.com

956, GDI, 01.10.2012, Words: 1541, NO: 25915216F915261944B304EDE4F654CF

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